
Text: Leonie Reitzig
Eine digital souveräne Verwaltung bleibt auch unter wandelnden Markt-, Technologie- und geopolitischen Bedingungen dauerhaft handlungsfähig. Dafür muss sie Abhängigkeiten aktiv steuern, Wechseloptionen prüfen und digitale Lösungen so gestalten, dass sie leistungsfähig, nutzbar und anpassungsfähig sind. Fünf Risiken verdeutlichen das organisatorische Spannungsfeld zwischen wachsender Kontrolle und zunehmendem Verlust von Geschwindigkeit und Flexibilität auf dem Weg dorthin.
Digitale Souveränität bedeutet in der Praxis häufig, dass bestehende Lösungen am Markt bewusst nicht genutzt werden, weil sie nicht die Anforderungen an Datenhoheit, Transparenz oder europäische Kontrolle erfüllen. Stattdessen werden Alternativen entwickelt oder angepasst. Dieser Weg ist strukturell langsamer: Vergabeprozesse dauern länger, Abstimmungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen sind komplex und Eigenentwicklungen benötigen Zeit und Kompetenzen. Hinzu kommt ein kultureller Faktor: Die Verwaltung ist ohnehin risikoavers geprägt. Wenn nun zusätzlich der Anspruch besteht, „souveräne“ Lösungen zu priorisieren, kann sich die Tendenz verstärken, Entscheidungen hinauszuzögern, bis alle Anforderungen erfüllt sind. Das kann dazu führen, dass technologischer Fortschritt Projekte in der Planungsphase überholt. Im Ergebnis entsteht ein doppelter Geschwindigkeitsverlust: einerseits durch bewusst gewählte Alternativen, andererseits durch institutionelle Trägheit.
Digitale Souveränität kann im Verwaltungsalltag auch auf der Ebene der Nutzenden zu spürbaren Effizienzverlusten führen. Eigenentwickelte Lösungen sind häufig weniger ausgereift – insbesondere in Bezug auf Usability, Automatisierungsgrad und Integration. Für Verwaltungsmitarbeitende bedeutet das konkret: mehr manuelle Arbeitsschritte, Medienbrüche zwischen Anwendungen, längere Bearbeitungszeiten und erhöhter Schulungsaufwand. Gleichzeitig fehlt häufig die tiefe Integration zwischen Fachverfahren. Der Effekt ist eine Digitalisierung, die zwar technisch vorhanden ist, aber ihre produktivitätssteigernde Wirkung noch nicht voll entfaltet.
Digitale Souveränität wird häufig mit Unabhängigkeit gleichgesetzt. In der Realität verschieben sich oft nur Abhängigkeiten. Wenn etwa auf große internationale Anbieter verzichtet wird, entstehen neue Bindungen an kleinere Anbieter, eigene IT-Dienstleister oder einzelne Open-Source-Projekte. Kleinere Anbieter verfügen über geringere Ressourcen, Know-how konzentriert sich auf wenige Akteure, und Wechselkosten bleiben hoch, wenn Systeme nicht modular aufgebaut sind. Auch Community-getriebene Lösungen können in ihrer Weiterentwicklung unsicher und wenig planbar sein. Eine vermeintlich souveräne Lösung kann sich langfristig als ebenso unflexibel erweisen wie ein klassischer Vendor Lock-in
Der Wunsch nach Unabhängigkeit kann paradoxerweise zu wachsender Zersplitterung führen: Wenn einzelne Behörden, Länder oder Organisationseinheiten jeweils eigene souveräne Lösungen verfolgen, entstehen parallele Systeme mit ähnlicher Funktionalität, aber unterschiedlichen technischen Grundlagen oder mangelnden Schnittstellen. Selbst bei einer einheitlichen strategischen Ausrichtung kann es dennoch zu mangelnder Synchronität im Kurs auf die digitale Souveränität kommen: Geschwindigkeit, Umsetzungsstärke und Anpassungsfähigkeit von teilweise hochspezialisierten Fachverfahren variieren. Die Folgen sind fehlende Interoperabilität, Doppelarbeit, erhöhter Wartungsaufwand und ausbleibende Skaleneffekte. Digitale Souveränität wird so nicht als gemeinsame Stärke realisiert, sondern als Vielzahl isolierter Ansätze.
Im Diskurs um digitale Souveränität stehen häufig strategische und politische Ziele im Vordergrund – die Perspektive der Nutzenden rückt dabei leicht in den Hintergrund. Das hat spürbare Folgen: Anwendungen sind weniger intuitiv oder werden ohne ausreichendes Veränderungsmanagement eingeführt, Prozesse komplizierter und digitale Services weniger attraktiv. Die eigentlichen Vorteile digitaler Souveränität sind nicht greifbar. Für Bürgerinnen und Bürger entstehen zusätzliche Hürden, für Verwaltungsmitarbeitende wächst die Frustration im Arbeitsalltag. Selbst technisch souveräne Lösungen verfehlen ihren Zweck, wenn sie nicht akzeptiert, verstanden oder genutzt werden

Senior Consultant
Leonie Reitzig ist Management Consultant und Führungskraft bei der Cassini Consulting AG. Sie berät Kunden auf Bundes- und Landesebene bei komplexen Digitalisierungsvorhaben – zuletzt im Rahmen der Fortschreibung der Digitalstrategie Schleswig-Holstein mit klarem Kurs in Richtung digitale Souveränität.