
Text: Birgit Neitzert, Malte Schultz
2026 hat die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz eine neue Ebene erreicht: War KI bisher vor allem Sparringspartner, der auf gezieltes Prompting bessere Ergebnisse lieferte, wird sie zunehmend zum autonomen Akteur. Klare Arbeits- und Entscheidungsräume sind der entscheidende Hebel für einen Einsatz mit spürbarem Mehrwert. Das auf Fachdisziplinen, Branchen und Unternehmen individuell anpassbare CHANGE-Framework macht anhand von sechs Dimensionen sichtbar, wie reif eine Organisation für autonom handelnde KI wirklich ist.
2025 war das Jahr der KI als Sparringspartner: Sie lieferte Vorschläge, der Mensch steuerte jeden einzelnen Schritt. 2026 verfolgen KI-Agenten Ziele über mehrere Schritte hinweg – hin zum kompletten Workflow. Sie analysieren, recherchieren, entwickeln Vorschläge, erzeugen Artefakte und verbessern diese iterativ. Auf der Ebene der Interaktion ist das ein Paradigmenwechsel: Der Mensch steuert nicht mehr jeden Schritt, sondern setzt den Rahmen, definiert Ziele sowie Datenquellen und prüft die Ergebnisse.
Auf organisatorischer Ebene wirkt diese Verschiebung wie ein Brennglas, denn sie bringt eine unbequeme Erkenntnis ans Licht: AI Agents machen Arbeit nicht automatisch besser. Sie machen sichtbar, wie klar oder unklar eine Organisation bereits aufgestellt ist. Man kann einen Agenten wie einen neuen Mitarbeitenden betrachten: Auch ihm gibt man nicht am ersten Tag die Schlüssel zu allen Türen. Erst lernt er die Abläufe kennen, dann bekommt er klar abgesteckte Aufgaben, und erst mit der Zeit wächst der Spielraum, in dem er eigenständig entscheiden darf. Genau diese Klarheit fehlt vielen Unternehmen heute: Sie experimentieren längst mit Agenten, ohne dass Rollen, Entscheidungsräume und Qualitätskriterien geklärt sind. Genau hier beginnt AI Agent Readiness, die Klarheit in die eigene Arbeitsweise bringt, bevor man dem Agenten den Schlüsselbund in die Hand drückt.
AI Agent Readiness stellt Fragen: Wer entscheidet? Wer verantwortet die Artefakte? Welche Qualität wird erwartet? Und wie lernt das System dazu? Um diese Fragen strukturiert beantworten zu können, braucht es einen Rahmen, der über die Toolauswahl hinausgeht. Das CHANGE-Framework bietet genau das: sechs Dimensionen, die sich auf unterschiedliche Teams, Fachdisziplinen und Branchen individuell anpassen lassen.

Die Kernfrage, die alle sechs Dimensionen zusammenhält, lautet: Was braucht es, damit AI Agents in unserem Kontext echten Mehrwert stiften, ohne dass Verantwortung, Qualität oder Vertrauen verloren gehen?
AI Agent Readiness entsteht dadurch, dass Teams lernen, in sechs Dimensionen Klarheit herzustellen, bevor sie Verantwortung an Systeme übergeben, die über mehrere Schritte hinweg selbstständig handeln. Bevor der nächste Agent eingeführt wird, lohnt sich deshalb ein ehrlicher Blick auf die Leit zu den sechs Dimensionen des CHANGE-Frameworks. Die Technologie wird sich weiterentwickeln, einzelne Agenten und Tools werden wechseln. Die entscheidende organisationale Fähigkeit bleibt jedoch dieselbe: Klarheit zu schaffen, bevor Verantwortung übergeben wird.

Sind wir bereit, KI als autonomen Akteur in unsere Arbeitsprozesse zu integrieren? Genau diese Frage haben Birgit Neitzert und Malte Schulz in einem 90-Minuten-Workshop auf der Modern RE 2026 an die Teilnehmenden aus dem Requirements Engineering gestellt. Im Interview blickt Birgit zurück und erklärt, was Teams aus der Praxis für den eigenen Umgang mit AI Agents mitnehmen können.
Birgit, was hat dich im Workshop am meisten überrascht?
Birgit Neitzert: Am meisten überrascht hat mich, wie schnell die Teilnehmenden merkten, dass die eigentliche Schwierigkeit nie der KI-Agent selbst war, sondern die Fragen, die sie sich in ihren Teams untereinander nie gestellt hatten: Wer darf eigentlich entscheiden, dass ein Ergebnis gut genug ist? Wer verantwortet es, wenn ein Agent eine Anforderung falsch interpretiert? Diese Fragen liegen oft lange unbeantwortet im Raum, und der Agent macht sie jetzt sichtbar. Das ist für viele ein echter Aha-Moment.
Welche der sechs CHANGE-Dimensionen bereitet Teams in der Praxis die größten Schwierigkeiten und warum?
Birgit Neitzert: Aus meiner Erfahrung ist es meistens Attitude. Das liegt daran, dass die Haltungen innerhalb eines Teams oft sehr unterschiedlich sind. Die einen wollen sofort delegieren, die anderen trauen dem Agenten keinen eigenen Schritt zu. Governance oder Human Oversight lassen sich vergleichsweise sauber in Regeln fassen. Haltung dagegen ist etwas, das sich nicht wirklich verordnen lässt. Sie entsteht erst, wenn Teams gemeinsam Erfahrungen sammeln dürfen, und auch mal etwas ausprobieren, das nicht gleich perfekt läuft.
Für Teams, die jetzt das Thema AI Agent Readiness in Angriff nehmen möchten: Was ist der erste konkrete Schritt?
Birgit Neitzert: Ich empfehle, immer mit der einen entscheidenden Frage ans Team zu starten: Welche Entscheidung würden wir heute niemals an einen Agenten abgeben – und warum nicht? Die Antwort zeigt sofort, wo die eigenen Grenzen und Unsicherheiten liegen, und ist der ehrlichste Einstieg in die sechs CHANGE-Dimensionen. Von dort aus lässt sich Schritt für Schritt erweitern, welchen Spielraum man einem Agenten tatsächlich zutraut – ganz im Sinne der kleinen Experimente und Ausbaustufen, die wir im Workshop als Weg zur Autonomie beschrieben haben.

Management Consultant
Birgit Neitzert ist Management Consultant und Agile Coach bei Cassini Consulting mit Fokus auf Transformation und KI-Adoption. Mit über 25 Jahren Erfahrung in Digitalisierung sowie IT-Projekt- und Programm-Management berät sie Unternehmen bei der Gestaltung von Führung, Organisation und agilen Arbeitsweisen an der Schnittstelle von Mensch, Prozess und Technologie. Als erfahrene Begleiterin von Veränderungsprozessen unterstützt sie Organisationen dabei, KI-Integration nicht nur technisch, sondern auch kulturell und organisatorisch erfolgreich zu verankern.

Management Consultant
Malte Schulz ist Management Consultant und Agile Coach bei Cassini Consulting mit Fokus auf Change- und Konfliktmanagement. Mit über 15 Jahren Erfahrung in Organisationsentwicklung, Coaching und agiler Transformation berät er Unternehmen bei der Gestaltung von AI Enablement, agiler Organisation und Leadership Coaching. Als erfahrener Begleiter von Veränderungsprozessen unterstützt er Organisationen dabei, Changemanagement mit KI wirksam zu verbinden und Transformation nachhaltig in der Führungs- und Organisationskultur zu verankern.