
Text: Cassini Redaktion
Der eGovernment MONITOR liefert ein verlässliches Stimmungsbild darüber, wie Bürger:innen die Digitalisierung der Verwaltung wahrnehmen. Die Ausgabe 2026 zeichnet ein ambivalentes Bild: Einerseits wächst die Kluft zwischen den Erwartungen an eine moderne Verwaltung und der gefühlten digitalen Realität. Andererseits bewerten Bürger:innen funktionierende digitale Verwaltungsangebote häufig positiv, sobald sie diese finden und tatsächlich nutzen. Wir haben die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst.
Im Alltagsvergleich ist die Verwaltung das digitale Schlusslicht unter allen Lebensbereichen. Gleichzeitig zeigt sich: Wer digitale Verwaltungsangebote tatsächlich nutzt, ist überdurchschnittlich zufrieden und häufig positiv überrascht. Die Ergebnisse machen deutlich: Das Problem liegt seltener in mangelnder Akzeptanz als vielmehr darin, dass viele Menschen digitale Angebote gar nicht erst finden oder nutzen können. Auch gegenüber neuen Technologien wie KI, dem Once-Only-Prinzip oder digitalen Identitäten zeigt sich grundsätzliche Offenheit – vorausgesetzt, Vertrauen und Datenschutz stimmen.
Seit 2022 sinkt das Vertrauen der Bürger:innen in den Staat (39 % → 32 %). Dabei ist eine funktionierende Verwaltung einer der zentralen Vertrauensanker für die Menschen.
Bürger:innen vergleichen ihre Erfahrungen mit der digitalen Verwaltung in der Regel mit den digitalen Erlebnissen, die sie aus Online-Banking oder E-Commerce kennen. Entsprechend hoch sind die Ansprüche: Rund zwei Drittel der Befragten erwarten, dass sie Verwaltungsleistungen genauso einfach und bequem online nutzen können wie Angebote privater Unternehmen (64 %). Ähnlich viele wünschen sich, dass der Staat proaktiv über seine digitalen Angebote informiert (64 %), und etwa 6 von 10 erwarten den gezielten Einsatz neuer Technologien für mehr Effizienz (62 %).
Die wahrgenommene Realität sieht jedoch deutlich anders aus. Nur 15 % der Menschen in Deutschland haben das Gefühl, dass ihre Erwartungen an eine moderne digitale Verwaltung erfüllt werden. Damit ist die Lücke zwischen Anspruch (im Schnitt rund 63 %) und Erfüllung groß. Diese Diskrepanz hat Konsequenzen: Wessen Erwartungen erfüllt sind, bringt dem Staat zu 63 % ein (sehr) großes Vertrauen entgegen, bei unerfüllten Erwartungen sind es hingegen nur 27 %. Auch innerhalb Deutschlands gibt es Unterschiede: Jüngere Generationen (Gen Z: 24 %) sehen ihre Erwartungen häufiger erfüllt als ältere (Nachkriegsgeneration: 10 %), und Städter:innen (18 %) häufiger als Menschen auf dem Land (11 %).

Kurz erklärt: Was ist der eGovernment Monitor 2026?
Der eGovernment MONITOR ist eine seit 2010 jährlich erscheinende Studie der Initiative D21 e. V. und der Technischen Universität München, durchgeführt vom Marktforschungsinstitut Kantar. Er misst, wie Bürger:innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz digitale Verwaltungsangebote nutzen, bewerten und wahrnehmen. Damit liefert der eGovernment MONITOR ein jährliches Lagebild der Verwaltungsdigitalisierung aus Nutzer:innensicht.
Nur noch 32 % der Bürger:innen in Deutschland bringen dem Staat ein (sehr) großes Vertrauen entgegen. 2022 lag der Wert noch bei 39 %, 2023 bei 34 %. Vertrauen in den Staat entsteht maßgeblich aus konkreten Erfahrungen mit staatlichem Handeln – und genau hier liegt ein Hebel: 41 % der Menschen geben an, dass eine einfache und schnelle digitale Nutzung staatlicher Leistungen ihr Vertrauen in den Staat stärken würde. Aktuell ist davon aber wenig zu spüren: Nur 24 % der Bürger:innen halten digitale Verwaltungsleistungen für verlässlich. 36 % zweifeln an der Sicherheit ihrer Daten, und nur 12 % sagen, der Staat mache ihr Leben leichter.
Im Vergleich zu anderen Lebensbereichen wird digitale Verwaltung bislang am wenigsten als Erleichterung erlebt: Nur 65 % der Nutzer:innen empfinden sie als solche. Das ist ein deutlich niedrigerer Wert als etwa bei Online-Banking, dem Kauf von Fahrkarten und Tickets, digitalem Einkaufen oder digitaler Kommunikation, wo digitale Wege längst selbstverständlich sind. Auch bei der digitalen Nutzung selbst liegt die Verwaltung mit 45 % auf dem letzten Platz aller Lebensbereiche in Deutschland. Zum Vergleich: Der Gesundheitsbereich, der ähnlich sensible Daten und komplexe Prozesse aufweist, kommt in Deutschland bereits auf 55 % digitale Nutzung.

Auffällig ist das sogenannte „Innovativeness-Needs-Paradox": Ausgerechnet die Gruppen, die am meisten von digitalen Verwaltungsangeboten profitieren könnten, nutzen sie am seltensten. Bei Personen mit geringem Einkommen liegt die Nutzung bei 39 %, bei hohem Einkommen bei 53 %. Nach Bildungsgrad ist der Unterschied noch größer: 35 % bei formal niedriger, 56 % bei formal hoher Bildung. Digitale Verwaltung erreicht also bislang eher jene, die ohnehin gut zurechtkommen – nicht die, für die sie den größten Unterschied machen könnte.
Auch im Alltag kommt davon bislang wenig an: Für mehr als die Hälfte der Bürger:innen (51 %) hat sich der eigene Alltag durch die Digitalisierung von Verwaltungsleistungen bislang kaum oder gar nicht verändert. Auf eine separate Frage, ob sich das digitale Angebot der Verwaltung in den letzten Jahren verbessert hat, sehen zudem nur 12 % eine deutliche Verbesserung. Innerhalb Deutschlands schwankt dieser Wert stark zwischen den Bundesländern – von 25 % in Hamburg bis zu 4 % in Thüringen.

Um von generellen Einstellungen zu konkretem Verhalten zu kommen, fragt die Studie gezielt nach dem letzten Verwaltungsanliegen der Befragten. Das Ergebnis: Jede:r Zweite hat sein letztes Anliegen komplett offline abgewickelt, nur ein Viertel (26 %) vollständig online, ein weiteres Viertel teils online, teils offline. Wichtig dabei: Diese Offline-Entscheidung ist meist keine bewusste Ablehnung digitaler Wege. Die Bürger:innen gingen laut eGovernment MONITOR häufig schlicht davon aus, dass eine Online-Erledigung nicht möglich sei, oder fanden das passende digitale Angebot nicht.
Konkret berichten 43 % der Befragten, digitale Verwaltungsangebote nicht oder seltener zu nutzen, weil ihnen die Suche danach zu lange dauert. Ein zweiter zentraler Hinderungsgrund sind Medienbrüche: 62 % nutzen E-Government nicht oder seltener, weil sie befürchten, am Ende trotzdem analoge Schritte gehen zu müssen. Diese Sorge ist berechtigt, denn 68 % der analogen Unterbrechungen bei eigentlich digitalen Abwicklungen sind unfreiwillig. Erst eine echte Ende-zu-Ende-Digitalisierung vom ersten Kontakt bis zur Rückmeldung macht digitale Verwaltung tatsächlich zur spürbaren Erleichterung.
Der positive Befund der Studie: Digitale Verwaltung überzeugt, sobald sie genutzt wird. Wer sein letztes Behördenanliegen ganz oder teilweise online erledigt hat, war damit deutlich zufriedener als auf rein analogem Weg – 81 % gegenüber 64 %. Digitale Nutzer:innen wurden zudem deutlich häufiger positiv überrascht (52 % vs. 34 % bei rein analoger Abwicklung) und berichteten seltener von enttäuschten Erwartungen (14 % vs. 20 %). Besonders eindrucksvoll: 94 % der Nutzer:innen würden dieselbe Leistung beim nächsten Mal wieder online abwickeln.
Die Botschaft ist klar: Das digitale Angebot der Verwaltung ist besser als sein Ruf – sobald Bürger:innen tatsächlich einen funktionierenden digitalen Weg finden. Die eigentliche Hürde besteht oft darin, dass viele Menschen gar nicht erst in einen funktionierenden digitalen Prozess hineinfinden

Künstliche Intelligenz ist im Alltag der Bürger:innen längst angekommen: 34 % nutzen KI-basierte Anwendungen inzwischen wöchentlich. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber 22 % vor zwei Jahren. Besonders stark ist KI im Alltag jüngerer Generationen verankert: In der Generation Z nutzt jede:r Zweite sie mindestens einmal pro Woche, bei den Millennials sind es 43 %. Bei der Nachkriegsgeneration hat dagegen selbst unter Internetnutzer:innen jede:r Zweite noch nie eine KI-Anwendung genutzt.
Gegenüber dem Einsatz von KI speziell in der Verwaltung ist die Haltung ambivalenter. Zwar wünschen sich 62 % der Bürger:innen, dass der Staat neue Technologien gezielt für mehr Effizienz einsetzt, doch persönlich befürchten 58 % eine Benachteiligung durch KI in der Verwaltung. Gleichzeitig sehen 55 % auch persönliche Vorteile. Sorge und Zuversicht liegen also nah beieinander. Ein knappes Drittel (32 %) erwartet sowohl Vor- als auch Nachteile, 23 % ausschließlich Vorteile und 27 % ausschließlich Nachteile. Besonders skeptisch sind die Bürger:innen bei der Frage, ob durch KI-Einsatz Gleichbehandlung gewährleistet werden kann, sowie bei der Sicherheit ihrer Daten. Für Akzeptanz braucht es demnach vor allem eines: KI, die transparent und verlässlich arbeitet, gut erklärt wird und bei Problemen zuverlässig an einen Menschen weiterleitet.
Auch gegenüber dem Once-Only-Prinzip – der Idee, dass Bürger:innen ihre Daten der Verwaltung nur noch einmal mitteilen müssen, statt sie bei jedem Behördenkontakt erneut anzugeben – zeigen sich die Bürger:innen offen. Ein Akzeptanzproblem im Grundsatz besteht laut Studie nicht. Diese Offenheit ist jedoch klar an Vertrauen und Datensensibilität gekoppelt. Bürger:innen sind eher bereit, der Verwaltung Zugriff auf ihre Melde-, Einkommens- und Steuerdaten zu gewähren, bei sensibleren Datenkategorien wächst die Zurückhaltung.
Besonders deutlich wird der Wunsch nach Vereinfachung beim Thema digitale Identität. Das aktuelle Ökosystem aus Online-Ausweis, verschiedenen Verwaltungskonten und der ab 2027 geplanten EUDI-Wallet ist aus Bürger:innensicht wenig übersichtlich. 62 % wünschen sich eine einheitliche Identifikationsmöglichkeit statt eines breiten Angebots unterschiedlicher Lösungen (nur 21 % bevorzugen Vielfalt). Genau dasselbe Bild zeigt sich beim Thema Behördenpostfach. Auch hier bevorzugen 62 % eine einheitliche Lösung gegenüber spezialisierten Postfächern je Verwaltungsorgan (16 %). Wie wichtig konkreter Nutzen gegenüber reiner Bekanntheit ist, zeigt das Beispiel Online-Ausweis: Fast 9 von 10 Bürger:innen kennen ihn inzwischen, die meisten haben ihn aber noch nie genutzt – oft, weil unklar ist, wofür er sich einsetzen lässt, oder weil die Nutzung als zu aufwendig empfunden wird. Eine wichtige Lehre für alle künftigen digitalen Identitätslösungen, einschließlich der EUDI-Wallet.

Der eGovernment MONITOR 2026 zeigt keine grundsätzliche Ablehnung digitaler Verwaltung durch die Bürger:innen. Im Gegenteil: Wo digitale Angebote tatsächlich genutzt werden, überzeugen sie überdurchschnittlich häufig. Die Probleme liegen insbesondere in der mangelnden Auffindbarkeit, häufigen Medienbrüchen, einer bislang zu geringen Ende-zu-Ende-Digitalisierung und fehlender Einfachheit. Daraus ergibt sich ein klarer Handlungsauftrag: Digitale Verwaltungsleistungen müssen konsequent kommuniziert, durchgängig digital gestaltet und an den tatsächlichen Bedürfnissen der Bürger:innen ausgerichtet werden. Nur so kann aus digitaler Verfügbarkeit spürbare Erleichterung und daraus langfristig Vertrauen in den Staat entstehen.
Tanja Riesbeck ist Consulting Lead & Client Lead im Cassini Market Public. Im Kurzinterview spricht sie über ihre wichtigste Erkenntnis aus dem neuen eGovernment MONITOR. Sie erklärt, was getan werden muss, damit digitale Verwaltungsleistungen besser bewertet werden, und gibt einen Ausblick auf die nahe Zukunft des digitalen Verwaltungsangebots.
Tanja, was ist deine wichtigste Erkenntnis aus dem eGovernment MONITOR 2026?
Tanja Riesbeck: Für mich sind es vor allem zwei Entwicklungen, die man getrennt betrachten muss. Zum einen sticht hervor, dass das Vertrauen in Staat und Institutionen weiter sinkt. Ein Trend, der sicher auch im Zusammenhang mit der politischen und wirtschaftlichen Gesamtlage zu sehen ist. Aktuell vertrauen nur noch 39 Prozent der Menschen in Deutschland dem Staat allgemein, 2022 waren es noch 63 Prozent. Zum anderen werden die Bürgerinnen und Bürger in Sachen Digitalisierung gleichzeitig aufgeschlossener: Der Wunsch nach mehr KI-Einsatz in der Verwaltung wächst, ebenso bspw. die Nutzung digitaler Wallets. Diese Offenheit ist ein Potenzial, das die Verwaltung jetzt nutzen sollte.
Was muss getan werden, damit digitale Verwaltungsleistungen besser bewertet werden?
Tanja Riesbeck: Drei Dinge: Klarheit schaffen, vereinfachen und verbindliche Standards zentral durchsetzen. Bewertungen fallen vor allem dann schlecht aus, wenn Nutzerinnen und Nutzer bei jedem Amt eine andere Lösung, ein anderes Login, einen anderen Prozess vorfinden. Genau dieser Wildwuchs an Einzellösungen ist es, der uns hemmt, nicht fehlender digitaler Fortschritt an sich. Die Gründung des Ministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) war deshalb ein wichtiger und richtiger Schritt, um Verwaltungsdigitalisierung mit entsprechendem politischem Gewicht und Durchsetzungskraft zentral voranzutreiben, und es wurden vielversprechende Initiativen auf den Weg gebracht.
Auf welche Neuerungen können sich Bürgerinnen und Bürger beim digitalen Verwaltungsangebot in naher Zukunft freuen?
Tanja Riesbeck: Es wird noch einen Moment dauern, bis alle Maßnahmen, die aktuell laufen und in der jüngeren Zeit neu angestoßen werden, bei Bürgerinnen und Bürgern tatsächlich spürbar werden. Aber die Richtung stimmt. Den größten Hebel sehe ich beim Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung: Mit der staatlichen EUDI-Wallet „d-you", die ab Anfang 2027 kostenfrei zur Verfügung stehen soll, entsteht bspw. ein zentraler Baustein für digitale Identitäten auf dem Smartphone. Verwaltungsdigitalisierung gelingt nur im Zusammenspiel von Bund, Ländern, Kommunen, Wirtschaft und Wissenschaft. Es lohnt sich also, sowohl auf das BMDS als Taktgeber als auch auf die vielen Akteure dahinter zu schauen.

Vorstand Cassini Consulting
Jan-Lars Bey ist seit 2017 Mitglied des Partnerboards der Cassini Consulting und verantwortet seit 2026 als Chief Business Officer (CBO) das operative Beratungsgeschäft. Der Diplom-Medieninformatiker kam 2014 zu Cassini. Sein unternehmerischer Schwerpunkt liegt im Aufbau und in der nachhaltigen Entwicklung von Märkten und Organisationen. Darüber hinaus ist Bey Vorstandsmitglied der Initiative D21, einem gemeinnützigen Netzwerk für die Digitale Gesellschaft.

Partner Cassini Consulting
Philip Schmidt verantwortet als Partner bei Cassini Consulting die Geschäftsentwicklung in den Ländern und Kommunen. Mit besonderem Fokus auf das interföderale Zusammenspiel schafft er Klarheit in strategischen Entscheidungsprozessen, bei der Abwägung von Zielkonflikten und beim Aufbau von Steuerungslogiken