
Text: Christian Reinsch
Die bestehende ITSM-Plattform kostet viel, die Organisation nutzt sie aber nur teilweise. Hinzu kommt: Sie liefert weniger Transparenz und Automatisierung als erwartet. Eine Alternative kann attraktiv sein, wenn sie zur Projekt- und Entwicklungsumgebung passt. Vor der Produktwahl sollten Verantwortliche jedoch klären, was die eigentliche Ursache für die Probleme ist: die Plattform selbst oder ihre Einführung.
Ein Unternehmen wechselt von Jira Service Management zu ServiceNow, um das Incident- und Service-Request-Management zu professionalisieren. Jahre später liegen die Vorgänge zwar im neuen Tool, doch Service-, System- und Abhängigkeitsdaten bleiben lückenhaft. Die Plattform bearbeitet Tickets, schafft aber noch kein belastbares Bild der Services und ihrer technischen Grundlagen.
ServiceNow und Jira Service Management bieten unterschiedliche Bausteine für CMDB beziehungsweise Assets. ServiceNow kann mit CSDM, Discovery und Service Mapping ein serviceorientiertes Datenmodell unterstützen. Jira Service Management verwaltet mit Assets Objekte und Referenzen und verbindet sie mit Vorgängen. Beide Plattformen brauchen jedoch ein klares Zielmodell, belastbare Datenquellen und eine geregelte Pflege. Die Funktionen entscheiden nicht selbst, welche Informationen ein konkreter Anwendungsfall benötigt.
Ungenutzte Funktionen und gewachsenes Customizing können ServiceNow überdimensioniert wirken lassen. Ein Wechsel kann Lizenzkosten senken, ersetzt aber keine fachlich vollständigen Daten und keine klaren Verantwortlichkeiten.
Kurz erklärt: Was ist ITSM?
ITSM steht für Information Technology Service Management bezeichnet die strukturierte Planung, Bereitstellung, Steuerung und kontinuierliche Verbesserung von IT-Services. Es verbindet Prozesse, Menschen, Daten und Technologien, um IT-Leistungen zuverlässig an den Anforderungen von Unternehmen und Nutzenden auszurichten. Typische ITSM-Bereiche sind Incident Management, Change Management, Service Request Management und Asset Management.
Bei ITSM-Daten trifft das Sprichwort „Dreimal umgezogen ist einmal abgebrannt“ einen konkreten Punkt. Jede Migration kann Informationen und Zusammenhänge verlieren. Was ein Unternehmen nie erfasst hat, kann es später auch nicht exportieren. Kein Migrationsskript kann eine fehlende Beziehung zwischen einem CI und einem Service nachträglich herstellen. Auch Wissen aus manuellen Workarounds und individuellen Workflows steht oft nicht im Datenmodell.
Viele Migrationsprojekte starten mit dem sichtbaren Datenbestand. Dabei bleiben wichtige Zuordnungen, Verantwortlichkeiten und Historien unklar. Ein Feldmapping überträgt Statuswerte. Es rekonstruiert keine fehlende Beziehung und erklärt keinen Workflow, dessen Zweck niemand dokumentiert hat.
Vor dem Migrationsdesign muss die Projektleitung vier Fragen beantworten:
Erst die Klärung zeigt, welchen Datenbestand das Projekt tatsächlich migrieren kann. Einzelne Personen, Lokationen, Business-Services, technische Services und Systeme reichen für Incident und Change Management nicht aus. Ein Incident braucht gegebenenfalls den betroffenen Service, das verantwortliche Team und die unterstützenden Systeme. Bei einem Change müssen Abhängigkeiten und die betroffenen Nutzergruppen sichtbar sein. Für ein Asset zählen Identität, Besitzer, Standort, Status und Lebenszyklus. Fehlen diese Beziehungen, können Teams die Auswirkungen eines Tickets nicht zuverlässig aus den Daten ableiten.
Technische Funktionen können CIs aus mehreren Quellen zusammenführen und Dubletten vermeiden. Sie entscheiden aber nicht, welche Beziehungen für einen fachlichen Anwendungsfall relevant sind. Diese Entscheidung gehört in das Zielmodell und braucht eine verantwortliche Stelle. Das gilt ebenso für Assets in Jira Service Management.
Ein Service kann im Tool sauber angelegt sein. Ein Rollenmodell kann Zuständigkeiten festlegen. Beides schafft noch keine gelebte Verantwortung. Die betroffenen Personen müssen ihre Rolle kennen, ihren Zweck verstehen und im Alltag über die nötige Zeit und Entscheidungsbefugnis verfügen. Menschen verstehen den Sinn einer Veränderung meist besser, wenn ihr konkreter Nutzen erkennbar wird. Wird die Aufgabe nur als zusätzliche Pflicht erlebt, werden Daten und Beziehungen kaum dauerhaft gepflegt werden.
Für die Einführung hilft eine klare Reihenfolge:
Tools können Verantwortliche, Services, CIs und Vorgänge miteinander verknüpfen. Sie allein schaffen aber keine gelebte Zuständigkeit. Service Owner brauchen aktuelle Informationen zu Incidents, Changes, Requests und Abhängigkeiten. Erst damit können sie Maßnahmen priorisieren und Verbesserungen steuern.
Jira Service Management kann bei den laufenden Lizenzkosten günstiger sein. Der Vergleich muss jedoch dieselbe funktionale Tiefe abbilden. Erweiterte Incident-, Change- und Asset-Funktionen hängen vom gewählten Plan ab. Auf der ServiceNow-Seite bestimmen gebuchte Module, Nutzerrollen und Vertragsbedingungen die Kosten.
Für jedes Customizing ist zu prüfen, ob es fachlich erforderlich, tatsächlich genutzt oder durch eine Standardfunktion ersetzbar ist. In die Rechnung gehören neben den Lizenzen auch Datenbereinigung, Migration, Schnittstellen, Tests, Schulungen, Parallelbetrieb und Ablösung. Fehlende Daten und Beziehungen sollten anhand konkreter Datenklassen und Anwendungsfälle bewertet werden, statt als pauschales Projektrisiko zu erscheinen.
Ein günstigerer Vertrag führt deshalb nicht automatisch zu niedrigeren Gesamtkosten. Entscheidend ist, welche Funktionen die Organisation wirklich braucht, welche Daten sie übernehmen kann und welchen Betriebsaufwand die neue Lösung verursacht.
Vor einer Plattformentscheidung sollte das Unternehmen vier Abläufe prüfen: einen Incident, einen Service Request, einen risikoreichen Change sowie die Übergabe oder Rückgabe eines Assets. Daraus lassen sich die benötigten Daten, Rollen, Workflows und Integrationen ableiten.
Eine belastbare Entscheidung braucht fünf Nachweise:
Fehlt einer dieser Nachweise, überträgt ein Wechsel die bestehenden technischen und organisatorischen Lücken wahrscheinlich nur in eine andere Oberfläche.
Ihr Ansprechpartner zum Thema ITMS:

Management Consultant
Christian Reinsch ist ein erfahrener IT-Service-Berater mit Schwerpunkt auf gewachsene Infrastruktur- und Service-Landschaften. Er analysiert Abhängigkeiten, Betriebsmodelle und Verantwortlichkeiten und entwickelt daraus klare, steuerbare Strukturen.
Insbesondere bei Migrationen, Umzügen und der Weiterentwicklung automatisierter Services verbindet er technische Anforderungen mit den Abläufen in Betrieb und Support. Dabei berücksichtigt er die Schnittstellen zwischen Systemen, Teams und Dienstleistern. Christian schafft Transparenz, klärt Zuständigkeiten und macht Risiken früh sichtbar. So entstehen Services, die verlässlich eingeführt werden und auch im laufenden Betrieb belastbar bleiben.