
Text: Felix Bockemühl, Sabine Freter, Onnen Godow
Open Source Software (OSS) wird in der öffentlichen Debatte häufig als Schlüssel zur digitalen Unabhängigkeit bezeichnet. Doch wer die Begriffe gleichsetzt, verkürzt das Problem und übersieht die eigentlichen Hebel. Vier Herausforderungen zeigen auf, wo OSS allein zu kurz greift und wie echte Souveränität gelingen kann.
Beide Begriffe werden manchmal reflexartig synonym verwendet, doch sie beschreiben Unterschiedliches. Souveränität meint die Fähigkeit, technische, organisatorische und strategische Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen und umzusetzen. OSS ist ein Mittel, das diese Fähigkeit unterstützen kann, aber nicht zwangsläufig herstellt. Es ist ein Lizenzmodell und für sich genommen noch keine souveräne Lösung.
Über Souveränität entscheiden andere Faktoren: Wo laufen die Daten? Welche Standards und Schnittstellen verbinden die Komponenten? Wer kann das System im Krisenfall weiter betreiben? Eine quelloffene Anwendung auf einem Hyperscaler bleibt operativ und infrastrukturell abhängig. Digitale Souveränität entsteht durch Gestaltungsfähigkeit: Eine proprietäre Komponente kann Teil einer souveränen Architektur sein, wenn sie über offene Standards und etablierte Standardisierungsgremien integrierbar, austauschbar und langfristig ersetzbar bleibt.
Kurz erklärt: Was ist OSS?
OSS steht für Open Source Software, also Software, deren Quellcode öffentlich zugänglich ist und von jedem eingesehen, verändert und weiterverbreitet werden darf. Im Gegensatz zu proprietärer Software wird der Code meist von einer Community aus Entwicklerinnen und Entwicklern gemeinsam gepflegt und weiterentwickelt, häufig unter Lizenzen wie MIT, GPL oder Apache. Bekannte Beispiele sind Linux, der Webbrowser Firefox oder die Programmiersprache Python. OSS wird geschätzt, weil sie Transparenz, Flexibilität und oft geringere Kosten bietet, erfordert aber meist eigenes technisches Know-how für Wartung und Support, da kein zentraler kommerzieller Anbieter dahintersteht.
Es lohnt sich, zwischen drei Dimensionen zu unterscheiden. Die strategische Souveränität fragt nicht „Welche Software setzen wir ein?“, sondern „Wie sind unsere Systeme gebaut?“. Wer hier souverän agieren will, denkt in Strukturen statt in Produkten und verlagert den Fokus weg von einer rein auf Open Source gerichteten Betrachtung.
Die organisatorische Souveränität fragt nach den eigenen Betriebs- und Governance-Fähigkeiten: Verfügt eine Behörde oder Organisation über das Personal und die Prozesse, ihre Geschäftsabläufe selbst zu steuern? Existieren Exit-Strategien? Werden Multi-Vendor-Ansätze aktiv gelebt?
Die technische Souveränität betrifft schließlich Architektur, Schnittstellen und Datenkontrolle. Hier zählen Prinzipien wie Modularität, Interoperabilität durch offene Standards, Portabilität von Daten und Workloads sowie föderative, dezentrale Strukturen.
Wer Open Source dauerhaft als ernsthafte Alternative will, muss den Markt mitdenken. Hinter Microsoft, AWS und Co. stehen Marketingbudgets, Vertriebsorganisationen und politische Vernetzung, die einzelne (Open Source) Communities nicht aufbringen können. „Feature Competitiveness“ entsteht nicht durch ehrenamtliches Engagement allein. Beispiele wie Red Hat im Security-Umfeld oder Google im AndroidÖkosystem zeigen, dass es kommerzielle Akteure braucht, die OSS aktiv vorantreiben – mit Investitionen in Entwicklung, Professionalisierung, Vertrieb und Marketing.
Für die öffentliche Hand bedeutet das: Sie ist Anwender und Marktgestalter zugleich. Wo OSSLösungen für kritische Bereiche – etwa Office-Suiten in der Verwaltung – wettbewerbsfähig werden sollen, braucht es Beschaffungsstrategien, Förderlogiken und langfristige Zusagen, die ein wirtschaftliches Ökosystem tragfähig machen.
Die produktivere Frage lautet daher nicht „Open Source oder proprietär?“, sondern: Wie bauen wir Systeme so, dass Wahlfreiheit dauerhaft erhalten bleibt? Die Antwort liegt in der Architektur. Im Kern geht es um die grundlegenden Prinzipien: erstens modular zerlegen statt Monolithen kaufen, und zweitens offene Schnittstellen verbindlich vorschreiben. Daraus leiten sich die Fähigkeiten ab, Daten portabel zu halten, Identitäten zu föderieren, statt zu zentralisieren. Standardisierung, vergleichbar mit den Regelwerken kritischer Infrastrukturen, schafft die Voraussetzungen für Wettbewerb.
Erst das Zusammenspiel dieser Prinzipien ermöglicht strukturell die Bedingungen für Austauschbarkeit und damit für digitale Souveränität. Technologieentscheidungen werden so zu Architekturentscheidungen. Der Deutschland-Stack als Initiative mit diesem Anspruch zielt genau in diese Richtung. Entscheidend ist dabei weniger der konkrete Technologie-Stack, sondern vielmehr die konsequente Orientierung an gemeinsamen Standards und klar definierten Schnittstellen. Technologieentscheidungen werden so zu Strukturentscheidungen und Resilienz entsteht durch Architektur statt durch einzelne Anbieterentscheidungen.
Digitale Souveränität braucht pragmatische Balance. Sie ist eine dauerhafte Gestaltungsaufgabe, die weder durch Kontrolle um jeden Preis noch durch Open Source allein gelingt. Entscheidend ist, ob digitale Strukturen echte Entscheidungs- und Wechselfähigkeit schaffen. Sei es durch offene Schnittstellen, modulare Architekturen, portable Daten, klare Exit-Pfade, tragfähige Betriebsmodelle oder auch funktionierende Märkte. Zugleich müssen Lösungen im Verwaltungsalltag effizient und nutzerfreundlich sein. Der Maßstab wird sein, ob Verwaltung auch morgen flexibel entscheiden, wirksam handeln und digitale Leistungen verlässlich bereitstellen kann.
Cassini Magazin Context: Mehr zum Thema digitale Souveränität
Dieser Artikel ist Teil des Cassini Magazins Context, das zum Zukunftskongress Staat & Verwaltung 2026 entstanden ist. in dem Magazin widmen wir uns der digitalen Souveränität. In Interviews, Kommentaren und Fachbeiträgen machen Verantwortungsträger:innen auf Bundes- und Landesebene sowie Cassini-Beratende ihre Perspektiven auf dieses zukunftsweisende vielschichtige Thema deutlich. Der Tenor: Technologische Handlungsfähigkeit entsteht nur dort, wo strategische Entscheidungen und operative Umsetzung zusammengedacht werden. Jetzt downloaden und lesen!
Perspektiven auf die digitale Souveränität aus Bund, Ländern und Cassini.

Management Consultant, Sovereign Secure IT
Felix Bockemühl verantwortet im Führungsteam der Cassini Consulting AG Projekte der öffentlichen Verwaltung auf Bundes- und Länderebene zu Fragen der digitalen Souveränität und prozessualen Exzellenz, immer mit Blick auf die Verbindung zwischen Organisation und Technologie.

Management Consultant, Sovereign Secure IT
Sabine Freter berät als Management Consultant bei der Cassini Consulting AG schwerpunktmäßig IT-Vorhaben der öffentlichen Hand und betrachtet dabei digitale Souveränität ganzheitlich – von ihren strategischen Herausforderungen bis zur Lösungsarchitektur des Deutschland-Stacks.

Senior Management Consultant, Sovereign Secure IT
Onnen Godow verantwortet bei der Cassini Consulting AG die Geschäftseinheit für sichere und souveräne öffentliche IT und Infrastruktur und gestaltet die Weiterentwicklung des Public-MarketGeschäfts maßgeblich mit.