v.l.n.r.: Anna Schmid, Lena Bucher, Lorena Schmid, Senior Management Consultant Matthias Haberkorn, Nicklas Nielsen, Armin Löfflad
v.l.n.r.: Anna Schmid, Lena Bucher, Lorena Schmid, Senior Management Consultant Matthias Haberkorn, Nicklas Nielsen, Armin Löfflad

Text: Matthias Haberkorn
Die THI-Studierendengruppe erarbeitete mit Cassini Consulting das Semesterprojekt „Corporate Mobility Fusion" mit dem eigens entwickelten App-Konzept Movify: ein digitales, arbeitgeberfinanziertes Mobilitätsbudget, das Mitarbeitende über ein Gamification-Punktesystem für nachhaltige Mobilitätsformen belohnt und die starre „One-size-fits-all"-Lösung durch ein flexibles, individuelles Modell ersetzt – mit Vorteilen für Kosten, Prozesse, Mitarbeiterbindung und Nachhaltigkeit
Unternehmen stehen unter wachsendem Druck, Mobilität gleichzeitig effizient, nachhaltig und mitarbeiterorientiert zu gestalten. Klassische Modelle wie Dienstwagen oder isolierte Einzelleistungen stoßen dabei zunehmend an Grenzen, weil sie individuelle Bedürfnisse nur teilweise abdecken und weder Flexibilität noch Nachhaltigkeitsziele ausreichend verbinden. Genau an dieser Stelle setzt das von fünf Studenten und Studentinnen der Technischen Hochschule Ingolstadt entwickelte Konzept an: ein digitales, arbeitgeberfinanziertes Mobilitätsportfolio, das über eine App gesteuert wird und nachhaltiges Verhalten mit konkreten Vorteilen verknüpft. Statt Mobilität auf ein einziges Verkehrsmittel zu reduzieren, entsteht ein System, das unterschiedliche Wege, Lebensrealitäten und Präferenzen abbildet.

Eine effektive Verkehrswende wird erst dann Realität, wenn der ÖPNV/ÖPVF als persönliche Lösung für den individuellen Mobilitätsbedarf von vielen Menschen, insbesondere Pendler und Geschäftsreisende, attraktiv ist. Sie muss als bessere Wahl empfunden werden.
Die Ausgangslage ist klar: Mobilität im beruflichen Kontext ist heute deutlich komplexer als noch vor einigen Jahren. Mitarbeitende erwarten Lösungen, die zu ihrem Alltag passen, Unternehmen suchen nach Instrumenten für Arbeitgeberattraktivität und Nachhaltigkeit ist vom optionalen zum strategischen Handlungsfeld geworden.
Das Projekt zeigt, warum starre Mobilitätsangebote diesen Anforderungen oft nicht mehr gerecht werden. Ein klassisches Dienstwagenmodell bildet weder die Vielfalt heutiger Pendelrealitäten noch die unterschiedlichen Anforderungen von Arbeitsweg, Dienstreise und privater Lebensorganisation überzeugend ab. Gerade in ländlichen und suburbanen Räumen wird deutlich, dass Mobilität nicht schwarz-weiß gedacht werden kann: Das Auto bleibt wichtig, gleichzeitig wächst der Bedarf an intelligenten Alternativen und sinnvollen Kombinationen.
Im Zentrum des Modells steht ein fixes Mobilitätsbudget, das Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden zur Verfügung stellen. Dieses Budget kann durch nachhaltiges Mobilitätsverhalten erweitert werden: Wer umweltfreundliche Verkehrsmittel nutzt, sammelt Punkte und kann daraus zusätzliche Benefits ableiten.
Der Ansatz verbindet dabei drei Ebenen. Erstens schafft er mit dem Mobilitätsbudget eine flexible Alternative zu starren Einzelleistungen. Zweitens sorgt ein Gamification-System für Motivation im Alltag. Drittens bündelt die App Planung, Vergleich, Dokumentation und Verwaltung auf einer zentralen Plattform.
Besonders relevant ist die Logik dahinter: Nicht jede Mobilitätsform wird gleich behandelt. Im Konzept werden Verkehrsmittel anhand von Nachhaltigkeit, Flexibilität, Schnelligkeit und Kosten bewertet; daraus entsteht eine differenzierte Punktevergabe, die nachhaltiges Verhalten gezielt belohnt. Später wird dieses Raster auf Basis des Experteninterviews um den Faktor Komfort ergänzt, um die reale Entscheidungssituation von Nutzerinnen und Nutzern präziser abzubilden.

Digitale Mobilitätslösungen scheitern oft dann, wenn sie nur als technischer Aufsatz gedacht werden. Im vorliegenden Konzept ist die App operative Herzstück des gesamten Portfolios.
Die Anwendung „Movify“ wurde als zentrale Mobilitätsplattform konzipiert. Sie bündelt Registrierung, persönliche Mobilitätsdaten, Routenplanung, Fahrgemeinschaften, Punktelogik, Benefits und eine Unternehmensansicht für die Administration. Dadurch wird aus einem abstrakten Mobilitätsbudget ein nutzbares System, das im Alltag funktionieren kann.
Bemerkenswert ist dabei die Entwicklungslogik des Prototyps. Der Home-Screen wurde im Projektverlauf von einer überladenen Funktionssammlung zu einem klaren Dashboard weiterentwickelt; auch Routenplanung, Benefits-Bereich, Profil und Master Account wurden schrittweise an reale Unternehmensanforderungen angepasst. Genau diese Iteration macht das Konzept glaubwürdig: Die Lösung denkt Mobilität aus der Nutzerperspektive.

Die Umfrage mit 105 vollständig ausgefüllten Fragebögen zeigt sehr deutlich, wie Mobilität aktuell erlebt wird und an welchen Punkten Veränderung realistisch ansetzen kann.
Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild: Der Pkw dominiert den Arbeitsweg mit 83,81 Prozent sehr deutlich, während ÖPNV, Fahrrad und andere Alternativen wesentlich seltener genutzt werden. Gleichzeitig lebt ein großer Teil der Befragten im ländlichen oder suburbanen Raum, was die starke Autoabhängigkeit strukturell erklärbar macht.
Interessant ist, dass diese Dominanz nicht automatisch bedeutet, dass nachhaltige Alternativen keine Chance haben. Die Befragten zeigen eine hohe Offenheit für Veränderung, wenn konkrete Vorteile entstehen: 77,14 Prozent geben an, ihr Mobilitätsverhalten ändern zu wollen, sofern damit ein spürbarer Mehrwert verbunden ist.
Auch das Potenzial der App wird überwiegend positiv bewertet. 74,29 Prozent schätzen den Nutzen eines digitalen Mobilitätsportfolios als sehr hoch oder eher hoch ein. Besonders gefragt sind Funktionen, die den Alltag unmittelbar erleichtert – etwa ein Echtzeit-Vergleich verschiedener Verkehrsmittel oder intermodale Routen, die mehrere Mobilitätsformen sinnvoll kombinieren.
Darin liegt eine wichtige Erkenntnis für Change in der Mobilität: Menschen ändern ihr Verhalten nicht allein aus Überzeugung, sondern vor allem dann, wenn Nachhaltigkeit mit Komfort, Transparenz und persönlichem Nutzen zusammenfällt.
Das Projekt zeigt zudem, dass ein Anreizsystem nur dann wirksam ist, wenn es an echte Bedürfnisse andockt. Besonders attraktiv sind Benefits mit unmittelbarem persönlichem Nutzen.
In der Befragung wurde der Tankgutschein mit Abstand am häufigsten auf Rang 1 gesetzt. Ebenfalls gut bewertet wurden Zuschüsse für den öffentlichen Nahverkehr sowie die Umwandlung von Punkten in Urlaubstage. Weniger attraktiv waren dagegen Belohnungen, deren Nutzen eher indirekt oder kollektiv wahrgenommen wird, etwa Spenden für nachhaltige Projekte.
Für Unternehmen entsteht daraus ein Spannungsfeld. Einerseits sollen Anreize wirksam und alltagsnah sein, andererseits dürfen sie die Nachhaltigkeitslogik des Gesamtkonzepts nicht unterwandern. Genau dieses Spannungsfeld macht das Konzept besonders praxisnah.
Mobilitätsbedürfnisse werden zunehmend individueller und flexibler – ein flexibles Mobilitätsbudget ist der zukunftsfähige Ansatz, um dieser dynamischen Lebensrealität gerecht zu werden.
Besonders wertvoll ist der Abgleich mit der Praxisperspektive. Im Experteninterview mit Stephan Tschierschwitz wird das Grundkonzept insgesamt als sinnvoll, marktfähig und skalierbar bewertet. Positiv hervorgehoben werden vor allem die Kombination aus Mobilitätsbudget und Anreizsystem, die Individualisierbarkeit des Modells sowie die Anschlussfähigkeit an künftige Mobilitätsformen.
Gleichzeitig bringt der Experte jene Punkte auf den Tisch, an denen aus einem guten Konzept erst ein umsetzbares Konzept wird. Kritisch gesehen wird insbesondere die Einbeziehung rein privater Wege, weil hier Datenschutzfragen, Akzeptanzprobleme und potenzielle Konflikte mit Betriebsräten entstehen können.
Ein weiterer wichtiger Impuls betrifft die Logik kombinierter Mobilität. Die Verbindung aus Elektroauto und Fahrgemeinschaft erzeugt einen zusätzlichen ökologischen Nutzen, der im finalen Konzept deshalb stärker honoriert wird. Solche Anpassungen zeigen, dass gute Corporate-Mobility-Lösungen aus konsequenter Nachschärfung, nicht aus starren Modellen.
Das Projekt macht deutlich, dass Corporate Mobility längst mehr ist als ein Randthema der Personalabteilung. Mobilitätsangebote wirken auf Arbeitgeberattraktivität, Mitarbeiterbindung, Nachhaltigkeitsziele und die wahrgenommene Modernität eines Unternehmens ein.
Gerade deshalb ist ein flexibles Mobilitätsportfolio strategisch relevant. Es übersetzt gesellschaftliche Megatrends wie Individualisierung, Nachhaltigkeit und Digitalisierung in ein konkretes, steuerbares Unternehmensangebot. Anders formuliert: Mobilität wird vom Kostenblock zum Gestaltungselement der Employee Experience.
Besonders aussichtsreich erscheint der Ansatz für mittelständische Unternehmen oder Organisationen mit hohem Pendel- und Dienstreiseanteil. Dort kann ein intelligentes Mobilitätssystem einen sichtbaren Beitrag zu Klimazielen leisten und gleichzeitig den Alltag der Mitarbeitenden spürbar verbessern.
Die eigentliche Stärke des Projekts liegt in dem Perspektivwechsel, den das Konzept anbietet: weg von pauschalen Mobilitätsleistungen, hin zu einem dynamischen System, das Verhalten, Bedürfnisse und Unternehmensziele zusammenbringt.
Genau darin ähnelt das Projekt modernen Change-Ansätzen. Es versucht nicht, Menschen gegen ihre Routinen zu verändern, sondern gestaltet Rahmenbedingungen so, dass neues Verhalten attraktiver, leichter und nachvollziehbarer wird. Nachhaltige Mobilität entsteht als bessere Option im Alltag.
Das entwickelte Mobilitätsportfolio zeigt, wie Corporate Mobility in Zukunft aussehen kann: digital gesteuert, individuell nutzbar, strategisch eingebettet und konsequent an realen Nutzungssituationen orientiert. Ein Hochschulprojekt wird zum konkreten Denkansatz für Unternehmen, die betriebliche Mobilität neu aufsetzen wollen.
Sie wollen weiter denken und mehr erfahren?
Kontaktieren Sie gerne Matthias Haberkorn für eine ausführliche Demonstration der Ideen und Impulse aus dem Studierendenprojekt.
Vielen herzlichen Dank an: Anna Schmid, Lena Bucher, Lorena, Nicklas Nielsen, Armin Löfflad sowie Prof. Dr. Alfred L. J. Quenzler der Technische Hochschule Ingolstadt.
