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Transport am Limit

Wenn Fahrer fehlen, müssen Daten arbeiten: Wie TMS und Telematik den Fahrermangel kompensieren

Text: Gilbert Walther

Die Zahlen sind alarmierend: 71 Prozent* der Frachtführer nennen den Fahrermangel als größtes Risiko für 2026. Wer heute ein Logistikzentrum oder Transportunternehmen führt, kennt den Druck: Touren, die nicht besetzt werden, Disponenten, die im Dauermodus telefonieren, Leerfahrten, die niemand will, aber alle akzeptieren. Gilbert Walther ist erfahrener IT-Experte mit Schwerpunkt auf resilienzorientierter Logistikarchitektur bei Cassini. In seinem Fachbeitrag zeigt er auf, wie die gezielte Verknüpfung von Transportmanagementsystem (TMS) und Telematikdaten zur wirkungsvollsten Antwort auf den Fahrermangel wird.

In meiner Arbeit mit Control Towern, Logistikzentren und Transportmanagern erlebe ich immer wieder dasselbe Muster: Die Daten sind vorhanden – als Telematikdaten auf Fahrzeugebene, Bewegungsdaten im TMS und Statusereignisse aus Track & Trace. Doch sie werden nicht miteinander verbunden und damit auch nicht genutzt. Das Ergebnis ist paradox: Wir haben nie mehr Daten gehabt als heute. Und gleichzeitig trifft die Disposition ihre Entscheidungen nach wie vor meist auf Basis von Erfahrung, Bauchgefühl und einem Anruf beim Fahrer.

In meinem Beitrag erkläre ich, wie die gezielte Verknüpfung von Transportmanagementsystem (TMS) und Telematikdaten diesen Kreislauf durchbricht und zu einem effektiven Instrument zur Behebung des Fahrermangels für Logistikverantwortliche wird.

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der Frachtführer nennen den Fahrermangel als größtes Risiko für 2026.

Das eigentliche Problem ist die Steuerung

Der Fahrermangel ist längst strukturelle Realität. Die Demografie spricht eine klare Sprache und kurzfristige Lösungen greifen nicht. Aber: Viele Unternehmen setzen ihre verfügbaren Fahrer ineffizient ein. Leerfahrten entstehen, weil niemand in Echtzeit sieht, welches Fahrzeug wo gerade mit welcher Auslastung unterwegs ist. ETA-Prognosen sind ungenau, weil sie auf geplanten statt auf gemessenen Daten basieren. Disponenten verbringen einen erheblichen Teil ihrer Zeit damit, Informationen einzusammeln, die eigentlich schon vorhanden sind. Wer mehr aus seinem Fahrerbestand herausholen will, muss zuerst verstehen, wo Kapazitäten tatsächlich verloren gehen. Genau das leisten TMS und Telematik – sofern sie zusammenarbeiten.

Es fehlt nicht an Daten, sondern an Verknüpfung, Datenhoheit und Verlässlichkeit.

Gilbert Walther, Cassini Management Consultant, Segment Mobility Operations Velocity (MOV)

Zwei Systeme, eine Wahrheit: TMS und Telematik als Steuerungseinheit

Das TMS bildet die Planwelt ab: Aufträge, Touren, Stopps, Zeitfenster, Carrier, Kosten. Die Telematik liefert die Realwelt: GPS-Positionen, Fahrzeugzustände, Standzeiten und Geofence-Events. Jedes System für sich ist wertvoll, aber blind für die Welt des anderen. Erst die Verknüpfung beider Welten schafft das, was ich als steuerungsfähige Wahrheit bezeichne: die belastbare Antwort auf die Frage, welches Fahrzeug wann an welchem Stopp war, warum es verspätet ist und was die Disposition jetzt tun kann.

Technisch ist die Brücke überschaubar. Sie braucht gemeinsame Schlüsselattribute – Tour-ID, Stop-ID, Vehicle-ID – und Geofences für die relevanten Standorte. Ist diese Verbindung einmal sauber hergestellt, öffnet sich ein völlig anderes Steuerungsbild. Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Ein Logistikzentrum arbeitet bislang mit manuellen Statusrückmeldungen per Telefon oder POD Messages, die in Excel erfasst werden. Nach der Integration von Telematik-Geofence-Events in das TMS könnten Ankunfts- und Abfahrtsereignisse automatisch erfasst werden. Wartezeiten an der Rampe wären erstmals messbar und die Disposition könnte automatisch alarmiert werden, bevor eine Verspätung zu einer SLA-Verletzung führt.

Tourenplanung automatisieren: Mehr Transporte, nicht mehr Fahrer

Wenn Tourenplanung auf Echtzeitdaten trifft, verändert sich die Grundlogik: Anstelle der Frage „Welcher Fahrer ist verfügbar?", tritt: „Welches Fahrzeug ist am nächsten, am wenigsten ausgelastet und kommt rechtzeitig zum nächsten Zeitfenster?"

Die praktischen Hebel sind bekannt, werden jedoch selten konsequent genutzt:

  • Automatische Tourenverdichtung auf Basis von IST-Auslastung und Echtzeit-Standort
  • Dynamische Neuzuordnung bei Störungen statt starrer Dispatching-Logik
  • Reduktion von Leerkilometern durch positionsbasiertes Smart Dispatching
  • Nutzung historischer Telematikdaten zur Optimierung künftiger Tourenpläne

Prädiktive Optimierungsansätze, die historische Muster in Echtzeit nutzen, können aktuellen Studien zufolge die Logistikkosten um bis zu 20 Prozent senken. Schon konservativere Schätzungen zeigen: Fünf bis zehn Prozent Effizienzgewinn sind realistisch, ohne eine einzige zusätzliche Einstellung.

Wege zum Shared Service Center

Eine der größten Zeitfallen in der operativen Disposition ist die ETA. Wann kommt das Fahrzeug? Ist das Zeitfenster noch zu halten? Muss der Kunde informiert werden? Diese Fragen werden zu oft durch Anrufe oder gar nicht beantwortet. Die telematikbasierte ETA-Berechnung verändert das Bild fundamental: Statt statischer Prognosen aus dem Plan liefert das System dynamische Ankunftsprognosen auf Basis des aktuellen GPS-Stands, der Verkehrslage und historischer Musterzeiten für diese Route. Das wirkt sich direkt auf das Rampenmanagement aus: Wenn Zeitfenster adaptiv gesteuert werden können, weil bekannt ist, dass Fahrzeug X in 23 Minuten eintrifft, sinken die Wartezeiten. Die Staus vor dem Dock und der Abstimmungsaufwand zwischen Disposition und Lager werden weniger. Was selbstverständlich klingt, wird in der Praxis erstaunlich selten umgesetzt.

Wenn ich weiß, dass ein Fahrzeug in 23 Minuten kommt, kann ich das Dock vorbereiten. Und muss nicht hektisch reagieren, wenn es schon vor der Tür steht.

Gilbert Walther, Cassini Management Consultant, Segment Mobility Operations Velocity (MOV)

Subunternehmer-Steuerung: Governance statt Überwachung

Ein Großteil der Transporte wird von externen Fahrern und Subunternehmern durchgeführt. Das macht die Datenlage komplexer, aber nicht unlösbar. Der entscheidende Unterschied liegt im Ansatz: Es geht nicht darum, Fahrer zu überwachen, sondern Carrier auf Basis aggregierter, fairer Leistungskennzahlen zu steuern. Die Grundlage dafür sind:

  • DSGVO-konforme Datenverarbeitung mit klarer Zweckbindung und Pseudonymisierung
  • Vertragliche Regelungen zu Datenlieferung, Coverage-SLAs und Qualitätsanforderungen
  • Aggregierte KPIs auf Carrier- und Lane-Ebene statt personenbezogenem Fahrermonitoring
  • Data-Compliance als eigene Kennzahl: Wer liefert welche Qualität in welcher Latenz?

Subunternehmer-Daten werden nur dann zur belastbaren Steuerungsgrundlage, wenn Data Privacy von Beginn an als Design-Constraint mitgedacht wird. In der Praxis bedeutet das: Datenschutz und Governance sind Voraussetzungen, keine Hindernisse.

Die wichtigsten KPIs – wenn TMS und Telematik sprechen

Auf den Punkt: Konkrete Maßnahmen gegen den Fahrermangel in der Logistik

Der Fahrermangel wird nicht verschwinden. Aber sein Einfluss auf die operative Leistungsfähigkeit kann deutlich reduziert werden – durch Systeme, die miteinander reden, und durch Daten, die tatsächlich entscheiden. Für CIOs und Logistikverantwortliche bedeutet das konkret:

  • Investieren Sie in die Verknüpfung von TMS und Telematik als operatives Steuerungsprogramm.
  • Stellen Sie sicher, dass Join-Keys (Tour-ID, Stop-ID, Vehicle-ID) in beiden Welten konsistent sind, denn ohne sie kann die Integration nicht greifen.
  • Gestalten Sie Datenschutz und Subunternehmer-Governance von Anfang an mit – als Voraussetzung, nicht als Nachklang.
  • Messen Sie Datenqualität selbst: Coverage, Latenz, Vollständigkeit sind notwendige KPIs.
  • Führen Sie Dashboards ein, die Ausnahmen zeigen – nicht Mittelwerte. Die Disposition braucht Frühwarnung, keinen Rückblick.

Organisationen, die heute anfangen, schaffen mehr als operative Effizienz. Sie bauen die Fähigkeit auf, aus jedem Transport zu lernen und gestärkt aus dem nächsten Engpass hervorzugehen.

Ausblick: Was als Nächstes kommt

Die Verknüpfung von TMS und Telematik ist der erste, entscheidende Schritt. Was folgt, sind prädiktive Ansätze: Systeme, die neben der Messung auch vorhersagen, was passieren wird. Kombiniert mit KI-gestützter Tourenplanung und automatisiertem Re-Dispatching entsteht ein Dispositionsbild, das den Fahrermangel strukturell kompensiert. Wer jetzt die Datengrundlage legt, geht diesen Schritt schneller und sicherer als der Wettbewerb.

kurz erklärt

Ein TMS (Transport Management System) ist eine Software zur Planung, Steuerung und Optimierung von Transportprozessen in der Logistik. Es hilft Unternehmen dabei, Routen zu planen, Frachtkosten zu berechnen, Spediteure auszuwählen und Sendungen in Echtzeit zu verfolgen. Durch die Automatisierung von Abläufen sorgt ein TMS für mehr Transparenz, geringere Kosten und effizientere Lieferketten. Besonders häufig wird es von Industrie-, Handels- und Logistikunternehmen eingesetzt.

Telematik bezeichnet die Verbindung von Telekommunikation und Informatik zur Übertragung und Verarbeitung von Daten über große Entfernungen. In der Logistik wird Telematik vor allem zur Echtzeit-Überwachung von Fahrzeugen eingesetzt, etwa zur Standortbestimmung per GPS, zur Routenoptimierung und zur Kontrolle von Fahrzeugdaten. So erhalten Unternehmen mehr Transparenz, höhere Sicherheit und eine effizientere Steuerung ihrer Flotten. Besonders im Transport- und Fuhrparkmanagement spielt Telematik eine zentrale Rolle.

Gilbert Walther

Management Consultant

Gilbert Walther ist erfahrener IT-Experte in einem Team mit Schwerpunkt auf resilienzorientierter Logistikarchitektur. Er hat u.a. Disaster-Recovery-Übungen in kritischen Logistikumgebungen geplant und durchgeführt, Warehouse Management Systeme abgesichert sowie Hardware- und Infrastrukturmodernisierungen zur Erhöhung der Ausfallsicherheit verantwortet. Gilbert Walther steht für praxisnahe, belastbare IT-Konzepte – fernab von Hochglanzfolien.


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