
Text: Marion Tudor, Yannis Bromby
ITSM-Prozesse nach ITIL sind in vielen Organisationen detailliert beschrieben, aber nur selten wirklich operationalisiert. Während Prozesshandbücher und Checklisten definieren, was theoretisch geschehen soll, fehlt häufig die Verbindung zur tatsächlichen Umsetzung im Tagesgeschäft. Entscheidungen werden manuell getroffen, Freigaben per E-Mail abgestimmt, Ausnahmen individuell geregelt. Das Ergebnis: Medienbrüche, Intransparenz und begrenzte Automatisierung. Gerade jetzt ist das Thema aktueller denn je. Durch den zunehmenden Einsatz von Automatisierung, Self-Service und KI-gestützten Tools stehen IT-Service-Organisationen unter Druck, ihre Abläufe effizienter und zugleich flexibler zu gestalten. Klassische Prozessdokumentation reicht dafür nicht mehr aus. Gefragt sind Modelle, die Abläufe, Fälle und Entscheidungen gleichermaßen abbilden und automatisiert ausführen können.
ITIL definiert zwar, was ein Prozess tun soll, aber nicht, wie er ausgeführt wird. Innerhalb von unseren Projekten haben wir festgestellt, dass zwischen der theoretischen Prozessbeschreibung und der tatsächlichen Prozesssteuerung in vielen Organisationen eine Lücke klafft. Häufig fehlen unseren Kunden einheitliche Darstellungen, klare Verantwortlichkeiten oder automatisierbare Entscheidungsregeln. Ein typisches Beispiel ist der Change-Prozess. Er verläuft selten linear, manchmal erfordert er eine Freigabe, manchmal eskaliert er, oder es ist eine Risikoabwägung nötig.
Genau hier können wir innerhalb der Kundenprojekte mit den drei Standard-Modellierungssprachen BPMN (Business Process Model and Notation), DMN (Decision Model and Notation) und CMMN (Case Management Model and Notation) helfen: Sie schaffen eine gemeinsame Sprache zwischen IT und Business und überführen ITIL-Vorgaben in konkrete, ausführbare Modelle. Sie verwandeln die statischen ITIL-Prozessbeschreibungen in lebendige Prozessmodelle, die standardisiert, aber dennoch anpassungsfähig bleiben. So entsteht ein ITSM, das Abläufe transparent steuert, Sonderfälle flexibel behandelt und Entscheidungen systematisch trifft: eine modellierte Realität, die Theorie und Praxis endlich verbindet. Wie die drei Modellierungssprachen konkret das IT Service Management stärken können, wird in den folgenden Abschnitten näher beschrieben.
Geschäftsprozessmodellierung ist im IT Service Management kein Selbstzweck, sondern ein Instrument zur Standardisierung, Steuerung und Optimierung von Abläufen. In vielen IT-Organisationen existieren zwar Prozessbeschreibungen, Checklisten oder Workflow-Skripte, doch es fehlt eine einheitliche, visuell verständliche Darstellung. Genau hier setzt BPMN an. Sie beschreibt Abläufe, Rollen und Schnittstellen so, dass sie für alle Beteiligten nachvollziehbar und technisch interpretierbar werden. Auf dieser Grundlage lassen sich Prozesse standardisieren und in ITSM-Tools automatisieren. Für ITSM-Prozesse wird BPMN zum Rückgrat einer konsistenten Serviceerbringung. In der folgenden Abbildung ist beispielhaft die Modellierung des Changes „Einspielen eines Server-Patches“ zu sehen, der einen typischen ITSM-Prozess widerspiegelt. Kurz gesagt wird hier ein Patch eines Systems beantragt, welcher eine Prüfung, Genehmigung, Umsetzung, sowie Abschluss durchläuft.

Mithilfe des BPMN-Standards können die Modelle mit vielen Informationen, wie beispielsweise Ereignissen (kreisförmige Elemente als Start- und Endpunkte) Aktivitäten (Rechtecke), Entscheidungswegen (Rauten) oder Verantwortlichkeiten (Schwimmbahnen) angereichert werden, um als perfekte Grundlage für ein gemeinsames Verständnis des Ablaufs oder für eine Automatisierung innerhalb von einem IT-System zu dienen. Die Modelle zeigen die komplette End-to-End-Sicht und schaffen somit Transparenz und eine Grundlage für die Auditierung. Wie in dem Beispiel zu sehen, werden, je nachdem, um welchen Change-Typ es sich in dem oben gezeigten Beispiel handelt, verschiedene Prozesswege verfolgt. An dieser Stelle (Change Typ bestimmen) kommt der zweite Standard DMN ins Spiel, der im Folgenden beschrieben wird.
In vielen ITSM-Prozessen werden Entscheidungen immer noch manuell getroffen. Beispielsweise, ob ein Change „Standard“, „Normal“ oder „Emergency“ ist, oder welche Genehmigungen erforderlich sind. Diese Entscheidungen sind oft nicht dokumentiert, hängen von Einzelpersonen ab und erschweren eine konsistente Prozessausführung. Die DMN schließt genau diese Lücke, löst Entscheidungslogik aus den Prozessen heraus und dokumentiert sie zentral. Ob Genehmigungen, Prioritäten oder Risikoabwägungen: Regeln werden nachvollziehbar, wiederholbar und automatisierbar.
Das DMN-Modell visualisiert die Abhängigkeiten zwischen Eingabedaten, Geschäftsregeln und Entscheidungen in einem Decision Requirement Diagramm (DRD). Zusätzlich wird die detaillierte Entscheidungslogik in einer Entscheidungstabelle dargestellt, die Wenn-Dann-Regeln enthält. So werden Entscheidungen nachvollziehbar, standardisiert und automatisierbar. Sie können direkt aus dem BPMN-Prozess heraus aufgerufen werden. Damit wird DMN zum intelligenten Steuerungsmechanismus innerhalb des ITSM: Prozesse laufen einheitlicher, Genehmigungen kommen schneller und Regeländerungen können ohne Anpassung des gesamten Workflows umgesetzt werden.
Im bereits genannten Change-Management-Prozess wird mithilfe der DMN-Tabelle entschieden, ob ein Change als Standard, Normal oder Emergency zu behandeln ist. Diese Klassifizierung bestimmt automatisch den weiteren Ablauf im BPMN-Prozess bis hin zur Genehmigung und Umsetzung. Die folgende DMN-Tabelle zeigt, wie unterschiedliche Change-Szenarien anhand der hier beispielhaft gewählten Kriterien automatisch klassifiziert werden können. Sie erweitert klassische Entscheidungslogiken der Priorisierung eines Changes um zusätzliche Faktoren wie eine benötigte Testplanung oder die Kritikalität des betroffenen Systems.

Die Entscheidungslogik ist mithilfe von DMN somit nicht mehr im Kopf des Change Koordinators versteckt, sondern zentral dokumentiert, automatisierbar und jederzeit änderbar.
ITSM-Prozesse verlaufen jedoch nicht immer idealtypisch. Ein geplanter Change kann fehlschlagen, eine neue Sicherheitslücke taucht auf oder ein kritisches System reagiert unerwartet. Genau hier ergänzt CMMN (Case Management Model and Notation) die strukturierte Prozesslogik von BPMN um situative, fallbasierte Abläufe, bei denen Aufgaben erst während der Durchführung entstehen oder sich spontan verändern. In CMMN werden keine starren Prozessflüsse modelliert, sondern Cases mit Phasen, Meilensteinen und optionalen Aufgaben. So können Teams flexibel auf Ereignisse reagieren, ohne den übergeordneten Prozess zu verlassen.
Im Beispiel des Server-Patches zeigt sich die Stärke von CMMN besonders bei Emergency Changes. Wird durch die DMN-Entscheidung erkannt, dass ein Change „Emergency“ ist, startet automatisch ein CMMN-Case „Emergency Patch Deployment“. Dieser Case enthält Phasen für Genehmigung sowie Implementierung und erlaubt es dem Team, bei Bedarf zusätzliche Aufgaben zu aktivieren (z. B. Root-Cause-Analyse durchführen, Patch zurückrollen, falls es Probleme beim Einspielen geben sollte, oder manuelle Konfigurationen prüfen). Diese müssen jedoch nicht zwingend erfolgen, sondern werden fallbasiert aktiviert, falls es notwendig ist. Würde dies als klarer BPMN-Prozess modelliert werden, wäre dieser unnötig komplex, um alle Eventualitäten und mögliche Reihenfolgen der Aktivitäten darstellen zu können.
Wie kommt eine Organisation dazu, ihr IT Service Management mithilfe der vorgestellten Standards zu stärken? Die praktische Einführung von BPMN, CMMN und DMN in einer ITSM-Organisation erfolgt idealerweise schrittweise und orientiert sich an der vorhandenen Prozesslandschaft. Zu Beginn unsere Kundenprojekte steht die Identifikation der Ist-Prozesse – also jener Abläufe, die aktuell im Tagesgeschäft relevant sind. Diese Erhebung bildet die Grundlage, um Transparenz zu schaffen und erste Optimierungspotenziale sichtbar zu machen.
Im nächsten Schritt modellieren wir gemeinsam mit dem Kunden Standardfälle mit BPMN, wobei bereits hier Prozessverbesserungen mitgedacht werden. Die grafische Darstellung schafft ein gemeinsames Verständnis und bildet die Basis für spätere Automatisierungen. Entscheidungslogiken werden in DMN ausgelagert, sodass Regeln zentral gepflegt und unabhängig von Prozessmodellen geändert werden können. Dies erhöht die Wartbarkeit und fördert die Konsistenz der Entscheidungen im gesamten ITSM. Anschließend werden Sonder- und Ausnahmefälle mit CMMN ergänzt, um auch dynamische oder unvorhersehbare Situationen flexibel abbilden zu können. Optional kann im letzten Schritt die Integration in ein ITSM-Tool oder eine BPM-Plattform erfolgen, um die modellierten Prozesse technisch zu verankern und auszuführen.
Wesentlich für den Erfolg der Implementierung sind klare Governance- und Modellierungsrichtlinien. Dazu gehören Namenskonventionen, einheitliche Ablagestrukturen und die Definition zentraler Repositories. Hier können wir von Cassini mit unserem Methodenkoffer bereits erste Vorschläge für Kunden mitbringen und so sicherstellen, dass Modelle über Abteilungen hinweg konsistent, nachvollziehbar und langfristig nutzbar bleiben.
Mit diesem methodischen Vorgehen gelingt der Übergang von theoretisch beschriebenen ITSM-Prozessen hin zu einer lebendigen, steuerbaren Prozesslandschaft, die sowohl Struktur als auch Flexibilität bietet.
ZBPMN, DMN und CMMN sind keine konkurrierenden Modellierungssprachen, sondern komplementäre Bausteine eines modernen Prozessmanagements. In Kombination ermöglichen sie es, ITSM-Prozesse auf drei Ebenen zu gestalten. Gemeinsam bilden sie ein integriertes Steuerungssystem, das sowohl Stabilität als auch Agilität gewährleistet. Dies ist ein entscheidender Erfolgsfaktor für IT-Organisationen, die ihre Services digital, transparent und resilient aufstellen wollen. Dabei ist es jedem Unternehmen überlassen, inwiefern alle drei Sprachen gleichermaßen oder punktuell einzeln eingesetzt werden.

Damit lässt sich ITSM als orchestriertes System verstehen, in dem Prozesse, Entscheidungen und Sonderfälle konsistent verbunden sind, ein gemeinsames Verständnis zwischen IT und Fachbereichen besteht und die Basis für Automatisierung geschaffen ist. Wer heute BPMN, DMN und CMMN integriert, legt die Basis für eine moderne ITSM-Organisation, die ihre Services aktiv steuert und kontinuierlich stärkt.

Management Consultant
Marion Tudor verfügt über langjährige Erfahrung in der Durchführung und Leitung von IT-Projekten und unterstützt Organisationen bei der strukturierten Weiterentwicklung ihrer Abläufe. Ihr Schwerpunkt liegt auf Geschäftsprozessmanagement und IT Service Management (ITSM) – von der Analyse und Aufnahme bestehender Prozesse bis hin zur gezielten Optimierung. Sie begleitet Kunden dabei, klare und passgenaue Lösungen zu entwickeln, die sich an den spezifischen Anforderungen der Organisation orientieren. Marion steht für praxisnahe Beratung, strukturierte Vorgehensweisen und nachhaltige Verbesserungen von Prozessen.

Senior Consultant
Yannis Bromby unterstützt IT-Organisationen dabei, sich strukturell effizient und zukunftsfähig aufzustellen. Sein Schwerpunkt liegt auf der strategischen Weiterentwicklung der IT-Leistungserbringung – von der Professionalisierung des IT Service Managements (ITSM) über klare Governance- und Prozessstrukturen bis hin zur Gestaltung wirksamer Sourcing- und Provider-Modelle. Er verbindet fundierte Projekterfahrung in Transformationsvorhaben mit einem klaren Fokus auf Umsetzung und begleitet Organisationen von der Zielbildentwicklung bis zur nachhaltigen Realisierung. Er steht für klare Strukturen, wirksame Steuerung und praxistaugliche IT-Transformation.