
Text: Katharina Schmidt
Der Kundenservice steht in vielen Unternehmen vor einer zentralen Herausforderung: Seine Bedeutung für ein exzellentes Kundenerlebnis war nie größer – gleichzeitig wird es im Tagesgeschäft zunehmend schwieriger, die hohen Erwartungen verlässlich zu erfüllen. Steigendes Kontaktvolumen, höhere Fallkomplexität und ein Anspruch, der sich an den besten Service-Erlebnissen orientiert, erhöhen den Druck auf Prozesse, Systeme und Teams. Kund:innen wollen nicht einfach „Kontakt aufnehmen“, sondern ihr Anliegen schnell, konsistent und ohne Wiederholungen gelöst bekommen.
Viele Organisationen reagieren mit punktuellen Optimierungen – vor allem dort, wo Effekte kurzfristig messbar sind: Antwortzeiten, Bearbeitungszeiten und SLA-Erfüllung. Das kann die Kennzahlen verbessern, führt aber nicht automatisch zu einem besseren Service-Erlebnis. Denn operative Optimierung ersetzt keine End-to-End-Problemlösung.
In der Praxis zeigt sich der Handlungsdruck häufig zuerst an einem klaren operativen Indikator: Kund:innen erreichen den Service nicht verlässlich. Warteschleifen, Rückrufe und Abbrüche werden dann schnell als reines Kapazitätsthema eingeordnet. Häufig steckt dahinter jedoch etwas Grundsätzlicheres: ein Service-System, das nicht sauber orchestriert ist. Je häufiger Kontaktversuche scheitern oder sich verzögern, desto stärker steigen Wiederholkontakte – und damit zusätzliche Schleifen, Übergaben und Eskalationen im Serviceprozess. Die Folgen sind unmittelbar: sinkende Kundenzufriedenheit, steigende Kosten und eine wachsende Belastung für die Service-Teams.
Ein Grundmuster heutiger Service-Organisationen ist historisch gewachsen: neue Kanäle, neue Systeme, neue Speziallösungen – selten aber eine end-to-end gedachte Architektur. So entsteht eine Landschaft aus mehreren Tools und Eingangskanälen, in der Informationen verteilt sind und der Gesamtüberblick fehlt. Genau hier gibt es einen zentralen Reibungsverlust: Ohne konsistente Datenbasis und ohne 360°-Kundensicht gleichen Mitarbeitende Brüche manuell aus. Sie werden zur „menschlichen Middleware“, die zwischen Systemen übersetzt, nach Statusinformationen sucht und Daten zusammenführt. Diese manuelle Kompensation ist teuer – und sie skaliert schlecht. Je mehr Volumen, je höher die Fluktuation, je komplexer die Fälle, desto stärker werden die Schwächen sichtbar. Die Folgen: längere Bearbeitungszeiten, inkonsistente Abläufe und eine höhere Fehleranfälligkeit.

Viele Unternehmen bieten heute mehrere Kontaktkanäle an – dennoch ist die Customer Journey im Service häufig nicht durchgängig. Der Unterschied liegt weniger in der Anzahl der Einstiegskanäle als in der End-to-End-Bearbeitung: Multi-Channel schafft verschiedene Kontaktwege, Omnichannel stellt sicher, dass Anliegen kanalübergreifend konsistent bearbeitet werden. In der Praxis fehlt diese Konsistenz häufig; Fallhistorie, Status und nächste Schritte sind beim Kanalwechsel nicht zuverlässig verfügbar.
Die Folge ist eine verlängerte und intransparente Journey: Kund:innen müssen Informationen erneut liefern, es entstehen parallele Kontaktversuche, und der Bearbeitungsstand bleibt unklar. Das reduziert die wahrgenommene Verlässlichkeit des Services – selbst wenn die fachliche Kompetenz der Mitarbeitenden hoch ist.
Kurz erklärt: Was ist Omnichannel?
Omnichannel bezeichnet eine Strategie, bei der Unternehmen alle Vertriebs-, Kommunikations- und Servicekanäle (z. B. Website, Onlineshop, App, Social Media, E-Mail und stationäre Filialen) nahtlos miteinander verknüpfen. Ziel ist es, Kund:innen über alle Kanäle hinweg ein einheitliches und konsistentes Erlebnis zu bieten. Dabei können Kund:innen jederzeit zwischen den Kanälen wechseln, ohne Informationen oder den Kontext ihrer Interaktion zu verlieren. Dies verbessert die Kundenzufriedenheit, stärkt die Kundenbindung und unterstützt eine personalisierte Customer Journey.
Hinzu kommt eine Bearbeitungslogik, die viele Service-Organisationen prägt: Tickets werden primär abgearbeitet. Dadurch entsteht ein reaktiver Modus, in dem wiederkehrende Anliegen häufig einzeln gelöst werden, statt Muster systematisch zu erkennen und abzustellen. Der Fokus liegt auf dem Abschluss des Vorgangs – nicht zwingend auf der nachhaltigen Lösung des zugrunde liegenden Problems. Das erzeugt zusätzliche Kontakte, Nacharbeit und eine hohe Abhängigkeit von individuellen Erfahrungswerten.
Diese Logik wird durch die Steuerung häufig verstärkt. Wenn der Schwerpunkt auf First Response Time, Average Handling Time und SLA-Einhaltung liegt, optimiert die Organisation zwangsläufig auf Geschwindigkeit. Das ist nachvollziehbar – wird jedoch zum Problem, wenn „schnell beantwortet“ als „gelöst“ interpretiert wird. Genau hier entstehen unerwünschte Steuerungseffekte: Tickets werden geschlossen, statt Anliegen nachhaltig zu lösen; Verantwortung wird weitergegeben, statt konsequent übernommen und Standardtexte ersetzen echte Analyse.
Ein wiederkehrendes Problem im Kundenservice besteht heute darin, dass Wissen nicht als belastbare Arbeitsgrundlage organisiert ist. Inhalte liegen verteilt in Köpfen, E-Mails, Chats oder uneinheitlichen Dokumenten; Aktualität und Verlässlichkeit sind oft unklar. In der Bearbeitung führt das zu unnötiger Suchzeit und einer hohen Abhängigkeit von einzelnen erfahrenen Mitarbeitenden. Gleichzeitig verlängern sich Einarbeitung und Fallbearbeitung, weil Standards fehlen oder nicht auffindbar sind.
Gerade bei wiederkehrenden Anliegen wird das zum Effizienz- und Qualitätsproblem: Statt auf erprobte Lösungen zurückzugreifen, wird häufig neu recherchiert, neu formuliert und neu entschieden. Das erhöht die Nacharbeit, führt zu Qualitätsstreuung und verschärft Belastungsspitzen. Ein konkretes Optimierungspotenzial liegt deshalb darin, Wissen strukturiert, aktuell und nutzbar zu machen – als Grundlage für konsistente Bearbeitung, schnellere Einarbeitung und weniger vermeidbare Schleifen im Tagesgeschäft.
Die wiederkehrenden Schmerzpunkte im Kundenservice entstehen meist nicht, weil Teams „nicht wollen“, sondern weil Systeme, Prozesse und Steuerung nicht auf End-to-End-Lösung ausgerichtet sind. Tool-Silos, fehlende Durchgängigkeit in der Customer Journey, Abarbeitung statt Lösung und Steuerung auf Tempo führen dazu, dass der Service viel arbeitet – aber häufig nicht besser wird. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie schaffen wir ein konsistentes Service-Erlebnis, das Skalierung ermöglicht und Probleme dauerhaft reduziert?
Antworten gibt es im zweiten Teil der dreiteiligen Artikelserie.
Senior Consultant
Katharina Schmidt berät und begleitet Kunden in Transformations-, Digitalisierungs- und IT-Projekten. Ihr Schwerpunkt liegt in der Steuerung komplexer Vorhaben, dem Aufbau tragfähiger Prozesse sowie der Gestaltung wirksamer Zusammenarbeit zwischen Fachbereichen, IT und Dienstleistern. Sie unterstützt Kunden dabei, neue Strukturen erfolgreich zu etablieren und Veränderungen nachhaltig in der Organisation zu verankern. Denn bis heute gilt: Erfolgreiche Transformation braucht klare Steuerung, starke Zusammenarbeit und konsequente Umsetzung.