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Erschöpfter Mann am Notebook
Standpunkt

Mitarbeiterbindung scheitert oft an Führung

Text: Tanja Clauß

Geht man im eigenen Unternehmen der Frage auf die Spur, warum gute Mitarbeitende nicht gehalten werden können, hört man häufig: Gehalt, Benefits, Fachkräftemangel – vielleicht noch Themen wie flexible Arbeitszeiten oder Karrierepfade. Das ist nicht falsch, trifft aber auch nicht das eigentliche Problem. Denn viele Mitarbeitende gehen wegen fehlender oder unzureichender Führung.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • High Performer bleiben nicht wegen des Gehalts allein im Unternehmen. Wertschätzung, Entwicklungsmöglichkeiten und gute Führung sind entscheidende Faktoren. Fehlende Anerkennung und schlechte Führung sind häufig Kündigungsgründe.
  • Wirksame Mitarbeiterbindung entsteht durch kontinuierliches Feedback, klare Perspektiven und eine starke Unternehmenskultur. Besonders wichtig sind Vertrauen, Sinnstiftung und individuelle Förderung.
  • Retention ist ein strategischer Erfolgsfaktor: Unternehmen sichern sich Know-how, Motivation und ihre Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig werden Fluktuations- und Recruitingkosten reduziert.

Die Führungskraft bewertet die Mitarbeiterleistung

Arbeitgeberattraktivität wird häufig als Angebot verstanden: Was bieten wir, damit Menschen bleiben? Dabei wird übersehen, wie „Attraktivität“ überhaupt entsteht. Die Führungskraft hat sich in den letzten Jahren in die Top 3 der Kündigungsgründe vorgearbeitet. Das ist nur allzu logisch, denn die Führungskraft entscheidet darüber, wie Leistung bewertet wird.

Ob es für gute Leistung klare Anerkennung und Wertschätzung gibt und ob klar ist, wann jemand „gut“ ist oder „genug“ geleistet hat (Sowohl Anerkennung als auch Wertschätzung sind übrigens wichtige Voraussetzungen, um nicht im Burnout zu landen. Besonders leistungsstarke Mitarbeitende laufen nämlich Gefahr, sich sonst zu überlasten)*. Aber die Führungskraft entscheidet eben auch darüber, ob Minderleistung adressiert oder toleriert wird. Und genau hier wird es spannend.

Kündigungsgrund "Führungskraft" in den Top-3

In einer aktuellen Studie wurden Führungsqualitäten von Vorgesetzten am dritthäufigsten als Grund für eine Kündigung genannt. Auf Platz 1 landete "Überarbeitung verbunden mit Stress". Dahinter rangiert "zu geringe Aussichten auf persönliche Weiterentwicklung oder Aufstieg im Unternehmen".**

Was aktuell in den Organisationen zum Thema Minderleistung passiert

In vielen der digitalen oder agilen Transformationsprojekte, die ich die letzten Jahre begleiten durfte, zeigen sich wiederkehrende Muster:

  • Konflikte werden vermieden: Führungskräfte scheuen schwierige Gespräche. Oft nicht aus fehlendem Willen, sondern weil ihnen das Handwerkszeug, die Erfahrung und die Sicherheit (Unterstützung aus dem Management, z.B. im Umgang mit dem Betriebsrat) fehlen.
  • Leistung ist nicht klar definiert: Erwartungen an Mitarbeitende werden nicht sauber formuliert. Später fehlt die Grundlage für eine klare und faire Leistungsbeurteilung.
  • Minderleistung bleibt folgenlos: Der „Elefant im Raum“ ist allen bekannt, wird aber nicht benannt. Gespräche darüber finden trotzdem statt – nur informell und „hintenrum“. Das belastet die Leistung von Teams zusätzlich.

Der Knackpunkt: High Performer tragen die Last

Die „guten“ Arbeitnehmer übernehmen zusätzliche Aufgaben und kompensieren so die Schwächen anderer. Sie bekommen dafür allerdings keine Würdigung – denn dafür müsste offen über das Thema gesprochen werden. Durch den steigenden Handlungsdruck – aktuell in Süddeutschland am Beispiel Automotive zu beobachten – werden neue Steuerungsinstrumente und KPIs eingeführt, die oft über Micromanagement heruntergebrochen alle Mitarbeitenden gleich betreffen. Statt sich explizit mit den Mitarbeitenden zu beschäftigen, für die die Maßnahmen eingeführt wurden, werden die High Potentials zusätzlich belastet und frustriert.

Ich habe schon viele Reorganisationen begleitet. Dabei war für mich immer klar: Employee Retention bedeutet nicht, wahllos „unbequeme“ Mitarbeitende freizusetzen. Im Gegenteil: Oft habe ich erlebt, dass, sobald das schwierige Gespräch einmal auf Augenhöhe geführt wurde („Die Person hat sicherlich gute Gründe…“), plötzlich Lösungsansätze sichtbar wurden, die für beide Seiten eine spürbare Entlastung waren. Aus meiner Sicht kommt es einer unterlassenen Fürsorge gleich, einen Mitarbeitenden, der als Minderleister wahrgenommen wird, nicht aktiv nach den Ursachen zu befragen. Ebenso wenig darf Betriebszugehörigkeit pauschal mit Leistung gleichgesetzt werden.

Die Folgen für High Potentials:

  • Mehrleistung wird selbstverständlich – Überlastungsgefahr steigt
  • Minderleistung bleibt folgenlos – Frustration steigt
  • Fehlende Konsequenz und Orientierung aus dem Management – Vertrauen sinkt

Das Ergebnis ist ein schleichender Vertrauensverlust. Und genau hier liegt der kritische Punkt: Die Leistungsstarken haben Optionen. Und sie nutzen sie.

Warum es gerade jetzt eskaliert

Die Anforderungen an Führung haben sich verändert. Unsere BANI/VUCA-Welt – geprägt durch ständige Transformation, Unsicherheit und Kostendruck – führt dazu, dass Führung heute etwas anderes leisten muss als noch vor 20 Jahren. Unternehmen, die nach den gleichen Prinzipien führen wie damals, zeigen typische Muster:

  • Warten statt führen – aus Angst, Fehler zu machen, Überforderung aufgrund der Komplexität oder der Hoffnung, dass jemand anderes entscheidet
  • Schweigen statt kommunizieren – aus Angst vor Widerstand oder politischem Taktieren wird erst kommuniziert, wenn alles zu 100 % klar ist
  • Meetings statt Entscheidungen – Entscheidungsvermeidung aus Konfliktangst, der Kultur „niemand ist schuld“ oder einem exzessiven Konsensbedürfnis
  • Harmonie statt Klarheit – Angst, sich unbeliebt zu machen, keine Konfliktkompetenz, Kultur „Hauptsache, wir bleiben harmonisch“

Die Folgen daraus sind fehlende Orientierung, geringe Initiative, reduzierte Geschwindigkeit und mangelnde Konsequenz. Besonders kritisch: Genau die Mitarbeitenden, die das als erste wahrnehmen, sind die High Potentials. Denn es untergräbt ihre Leistung und ihr Streben nach Wirksamkeit auf der einen und widerspricht ihrem Sinn nach Gerechtigkeit und Klarheit auf der anderen Seite.

Drei Irrtümer, die das Problem "Mitarbeiterbindung" verstärken

Irrtum 1 – Arbeitgeberattraktivität ist ein Benefit-Thema: Benefits können viel verbessern – aber sie kompensieren keine schlechte Führung.

Irrtum 2 – Gute Führung „passiert schon irgendwie“: Führung ist kein Selbstläufer. Ohne Training fehlt vielen (auch langjährigen) Führungskräften genau das, was heute entscheidend ist: Konfliktfähigkeit, Klarheit, Konsequenz.

Irrtum 3 – Gute Leute „halten schwierige Phasen schon aus“: Gerade die Leistungsstarken reagieren sensibel auf Ungerechtigkeit. Wenn Leistung und Nicht-Leistung gleichbehandelt werden, werden Leistungsstarke das nächste Jobangebot annehmen.

Mitarbeiterbindung: Was jetzt hilft – klare Führung in drei Schritten

Schritt 1: Erwartungen radikal klären

  • Was ist gute Leistung?
  • Was ist nicht akzeptabel?
  • Woran wird das gemessen?
  • Haben alle die gleichen Informationen?

→ Ohne Klarheit keine faire Führung.

Schritt 2: Führungskräfte befähigen – für die Menschenführung und für unangenehme Gespräche

  • Leistung und Minderleistung adressieren können
  • Gespräche sauber dokumentieren
  • Klären: Wissen Führungskräfte wirklich, was sie konkret tun müssen, um Menschen weiterzuentwickeln?

→ Menschenführung ist kein Talent. Und nur, weil jemand eine hohe fachliche Expertise hat, bedeutet das nicht, dass sie oder er gut Menschen führen kann. Führung ist ein Handwerk, das erlernt, trainiert und weiterentwickelt werden muss.

Schritt 3: Führung organisatorisch absichern

Viele Führungskräfte handeln nicht, weil ihnen Rückhalt fehlt. Notwendig sind klare Leitplanken:

  • Was wird toleriert – was nicht?
  • Wie gehen wir als Organisation mit Minderleistung um?
  • Welche Schritte sind legitim? Welche Alternativen gibt es?

→ Führung braucht Rückendeckung und Leitplanken durch Management und HR.

Arbeitgeberattraktivität entsteht im Alltag. In der Klarheit von Erwartungen, in der Konsequenz von Führung und in der Erfahrung von Fairness. Die entscheidende Frage lautet deswegen: Wie fühlt es sich an, in unserem Unternehmen geführt zu werden?

*Quelle: Siegrist, Johannes (1996): Adverse health effects of high-effort/low-reward conditions. Journal of Occupational Health Psychology, 1(1), 27–41.

**Ein Forschungsteam der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und der Universität Ulm hat in einer dreiteiligen Studie untersucht, warum Mitarbeitende ihren Job kündigen. Der erste Teil der Arbeit war eine Metaanalyse 78 internationaler Studien mit Daten von mehr als 800.000 Beschäftigten. Quelle: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0001879125000181#s0010

Tanja Clauß, Senior Consultant, Cassini Consulting AG
Tanja Clauß

Senior Management Consultant

Tanja Clauß orchestriert große Transformationen im Kontext der Digitalisierung und ist spezialisiert auf die menschlichen Aspekte von Change, Organisationsentwicklung und Leadership.


[email protected]

0049 711 - 97573021

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