
Text: Linda Thiemann
Die Retailbranche befindet sich in einem permanenten Transformationsprozess. Künstliche Intelligenz, Omnichannel-Strategien, Smart Stores, neue Kassensysteme, regulatorische Anforderungen oder volatile Lieferketten sorgen dafür, dass Handelsunternehmen kontinuierlich neue Veränderungen anstoßen müssen.
Dabei folgt eine Transformation längst nicht mehr auf die nächste. Vielmehr überlagern sich zahlreiche Initiativen und Projekte. Während ein Unternehmen an der Modernisierung seiner Filialprozesse arbeitet, werden ein neues CRM-System eingeführt und neue KI-gestützte Kundenerlebnisse entwickelt. Gleichzeitig erhöhen wirtschaftlicher Druck, sinkende Margen und der Fachkräftemangel die Anforderungen an Geschwindigkeit und Effizienz bei der Umsetzung von Veränderungen. Diese Gleichzeitigkeit von Herausforderungen und Veränderungen führt sowohl bei Mitarbeitenden als auch bei Führungskräften zu immer mehr Komplexität und Unsicherheit.
Das zeigt sich auch in den Erfolgsquoten der Projekte: Viele Transformationsprojekte scheitern oder werden zwar erfolgreich umgesetzt, erzielen aber nicht die erhoffte Wirkung. Der Grund dafür liegt häufig nicht in der Technologie oder der Projektplanung, sondern oft im unterschätzten Faktor Mensch. Doch Veränderungsfähigkeit ist für Handelsunternehmen einer der entscheidenden Wettbewerbsfaktoren und daher Grundvoraussetzung für Wachstum und Erfolg.
Neue Technologien verändern nicht nur Systeme. Sie verändern Arbeitsweisen, Prozesse, Verantwortlichkeiten und oftmals sogar die Unternehmenskultur.Die Einführung einer neuen ERP-Software bedeutet beispielsweise nicht nur die Bereitstellung einer technischen Lösung. Sie hat Einfluss auf Routinen, Entscheidungswege und Zusammenarbeit. Damit wird aus einem vermeintlichen IT-Projekt automatisch ein Veränderungsvorhaben.
Im Handel zeigt sich dies besonders deutlich. Mitarbeitende müssen sich regelmäßig auf neue Prozesse, Systeme und Marktanforderungen einstellen. Die Bereitschaft zur Veränderung ist in der Branche grundsätzlich hoch. Studien von KPMG, EHI und weiteren Marktforschern zeigen, dass Innovations- und Anpassungsfähigkeit im Handel seit Jahren zu den zentralen Erfolgsfaktoren gehören. Doch selbst in einem veränderungsaffinen Umfeld entsteht Akzeptanz nicht automatisch.
Jede Transformation erfordert Aufmerksamkeit, Energie, Lernbereitschaft und den Willen zur aktiven Beteiligung. Mitarbeitende fragen sich bewusst oder unbewusst:
Bleiben diese Fragen unbeantwortet, entstehen Unsicherheit und schlimmstenfalls Widerstand – unabhängig davon, wie gut ein Projekt technisch umgesetzt wird.
Im Projektmanagement wird Erfolg traditionell anhand klar definierter Kennzahlen gemessen.
Typische Projekt-KPIs sind:
Diese Kennzahlen sind wichtig und unverzichtbar. Sie zeigen jedoch lediglich, ob ein Projekt wie geplant umgesetzt wurde und nicht, ob die angestrebte Veränderung tatsächlich erreicht wurde.
Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht diese Diskrepanz: Im Rahmen eines konzernweiten Modernisierungsvorhabens wurde Microsoft 365 erfolgreich eingeführt. Die technische Implementierung verlief planmäßig. Alle Mitarbeitenden erhielten Zugriff auf die neuen Anwendungen, Schulungen wurden durchgeführt und das Projekt wurde erfolgreich abgeschlossen.
Ein Jahr später zeigte eine interne Befragung jedoch ein ernüchterndes Bild: Die interne Kommunikation lief weiterhin überwiegend per E-Mail, Kollaborationsplattformen wie Teams oder SharePoint wurden nur vereinzelt genutzt und weniger als zehn Prozent der Mitarbeitenden verwendeten die neuen Möglichkeiten regelmäßig. Aus Sicht des Projektmanagements war das Vorhaben erfolgreich, aus Sicht der Unternehmensziele hingegen nicht.
Die Ursache dafür lag nicht in der Technologie, vielmehr war es nicht gelungen, die notwendige Verhaltensänderung zu erreichen. Viele Mitarbeitende erkannten keinen persönlichen Mehrwert in den neuen Arbeitsweisen oder sahen in der erhöhten Transparenz sogar Nachteile. Das eigentliche Projektziel – eine kollaborative, effizientere und transparentere Zusammenarbeit – wurde verfehlt.
Hier wird deutlich, wo klassische Projekt-KPIs an ihre Grenzen stoßen. Sie messen die Umsetzung einer Veränderung, nicht jedoch deren Akzeptanz. Dabei zeigen zahlreiche Studien, unter anderem von Prosci, dass die aktive Unterstützung und Akzeptanz der betroffenen Mitarbeitenden zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren von Veränderungsvorhaben gehören.
Die entscheidende Frage lautet daher: Woher wissen wir eigentlich, dass eine Veränderung angenommen wird – und nicht nur ausgerollt wurde? Die Antwort liefern Change KPIs.
Change KPIs messen nicht die technische oder organisatorische Umsetzung eines Projekts. Sie messen die Voraussetzungen dafür, dass Veränderungen nachhaltig wirksam werden kann.
Sie machen sichtbar,
Damit fungieren sie als Frühwarnsystem für den Projekterfolg. Während klassische Projektkennzahlen häufig erst Probleme sichtbar machen, wenn diese bereits eingetreten sind, ermöglichen Change KPIs ein frühzeitiges Gegensteuern.
Die meisten etablierten Change-Management-Ansätze beschreiben ähnliche Voraussetzungen für nachhaltige Akzeptanz. Im Kern geht es um drei zentrale Fragen:
Verstehen Mitarbeitende, warum die Veränderung notwendig ist?
Wollen die Mitarbeitenden die Veränderung mittragen und erkennen ihren Nutzen?
Verfügen die Mitarbeitenden über die notwendigen Fähigkeiten und Rahmenbedingungen, um die Veränderung umsetzen zu können?
Ergänzend identifizieren etablierte Modelle weitere Einflussfaktoren:
All diese Faktoren können mit Hilfe von Change KPIs messbar gemacht werden.
Ein Beispiel aus einem Digitalisierungsprojekt zeigt, wie ein KPI-Modell zur Messung von Akzeptanz aufgebaut werden kann. Im Rahmen eines Pilotprojektes zu einer Softwareeinführung war die Akzeptanz der späteren Nutzenden ein zentraler Erfolgsfaktor. Die Vorgabe lautete: Nur bei ausreichender Akzeptanz wird die Software anschließend unternehmensweit ausgerollt. Bereits zu Projektbeginn wurde deshalb erhoben, wie stark die Beteiligten die folgenden Dimensionen einschätzten:
Ergänzend wurden Stakeholder systematisch analysiert und Zielgruppen identifiziert. Im weiteren Projektverlauf erfolgten regelmäßige Befragungen zur Wahrnehmung der Veränderung. Dadurch wurde sichtbar, wie sich Akzeptanz, Verständnis und Unterstützungsbereitschaft entwickelten.
Einzelne Kennzahlen können dabei Hinweise über Schwachstellen und Bedarf zum Nachjustieren liefern. Im Verlauf des Projekts wird sichtbar, wie sich diese Kennzahlen verändern und somit auch, ob die Change Maßnahmen wirklich greifen. Darin liegt der Mehrwert von Change KPIs: Sie machen Entwicklungen transparten, bevor sie zum Risiko für den Projekterfolg werden.

In einer Branche, die sich so dynamisch entwickelt wie der Handel, entscheidet die Veränderungsbereitschaft einer Organisation über ihren Erfolg und damit über ihren Gewinn. In Transformationsprojekten lässt sich diese verfolgen und auch beeinflussen, um frühzeitig Aussagen über den langfristigen Projekterfolg treffen zu können.
Entscheidend ist, ob Menschen gewillt und in der Lage sind, neue Arbeitsweisen anzunehmen und umzusetzen. Nur dann sind sie auch schnell wieder bereit, nach einer Veränderung neue Entwicklungen anzugehen und unterstützen zu können.
Klassische Projekt-KPIs beantworten die Frage, ob ein Projekt umgesetzt wurde. Doch Change KPIs können die wesentlich wichtigere Frage beantworten, ob die Veränderung tatsächlich wirksam wird. Deshalb sollten sie nicht als Ergänzung zum Projektmanagement verstanden werden, sondern als integraler Bestandteil erfolgreicher Transformationsvorhaben. Denn ohne strukturiertes und messbares Change Management bleibt jedes Veränderungsprojekt letztlich eine Wette auf die Veränderungsbereitschaft der Mitarbeitenden. Und der Wetteinsatz ist der Projekterfolg.
