
Text: Oliver Toma
Drei Entwicklungen, die bislang oft noch viel zu isoliert voneinander betrachtet wurden, haben sich 2026 zu einem Gesamtbild zusammengefügt: Geopolitische Abhängigkeiten verschärfen sich, die Regulierung im digitalen Raum hat ihre bisher dichteste Stufe erreicht und KI verlässt zunehmend das Experimentierfeld, um zum Kern der Wertschöpfung zu werden. Neu ist die Gleichzeitigkeit der drei Entwicklungen. Sie verändert die Relevanz von KI-Infrastruktur grundlegend: Aus einer vermeintlich rein technischen Angelegenheit wird eine unternehmerische Steuerungsgröße – die damit zur Chefsache wird.
Der US-amerikanische CLOUD Act verpflichtet US-Cloud-/Kommunikationsdienstleister unter bestimmten Voraussetzungen zur Herausgabe von Daten, unabhängig davon, wo diese gespeichert sind. Zentrale Daten sowie KI-Dienste europäischer Organisationen, die auf US-Hyperscaler zurückgreifen, können dadurch potenziell dem Zugriff von US-Behörden unterliegen. Gleichzeitig fragmentieren sich digitale Räume zunehmend entlang geopolitischer Blöcke. Denn die USA, China und die EU verfolgen jeweils eigene technologische und regulatorische Agenden. Für Organisationen bedeutet das: Die Entscheidung für eine Plattform oder Cloud ist immer auch eine Entscheidung über die eigene Position in einem globalen Spannungsfeld, das sich weiter verschärfen kann.
Parallel zu den geopolitischen Abhängigkeiten erreicht die europäische Regulierung digitaler Technologien eine neue Verdichtung. Viele Regelwerke greifen eng ineinander:
Die Regelwerke überschneiden sich inhaltlich und organisatorisch: Wer KI in kreditrelevanten Prozessen einsetzt, muss AI Act, DORA und evtl. NIS-2 berücksichtigen. Compliance wird damit komplexer, und genau das beeinflusst Architektur- und Anbieterentscheidungen.
Während die geopolitischen und regulatorischen Rahmenbedingungen enger werden, verlagert sich KI vom unterstützten Werkzeug in den Kern der Wertschöpfung. Produktentwicklung, Kundeninteraktion, Entscheidungsprozess und interne Steuerung hängen zunehmend an KI-gestützten Systemen. Die Verschiebung erhöht den Einsatz: Ein Ausfall, eine Abkündigung eines Modells oder eine plötzliche Preis- oder Nutzungsänderung durch einen Anbieter treffen das operative Rückgrat der Organisation.
Aus dem Zusammenspiel der drei Treiber ergibt sich eine neue Qualität von Abhängigkeit. Solange KI auf dem Experimentierfeld stattfand, ließ sich ein Anbieterwechsel leicht verschmerzen. Sobald KI jedoch Kernprozesse trägt, wird die Infrastruktur aus Cloud, Modellen, Datenflüssen und Verträgen zu einer Größe, die Umsatz, Lieferfähigkeit und Rechtssicherheit unmittelbar beeinflusst. Daraus ergeben sich existenzielle Fragen zur geschäftlichen Steuerbarkeit:
Diese Verschiebung hat organisatorische Konsequenzen. Wenn KI-Infrastruktur zur geschäftskritischen Steuerungsgröße wird, gehört sie in dieselbe Governance-Struktur wie andere unternehmerische Risiken – mit Berichtspflichten, Kennzahlen und Eskalationswegen bis in den Vorstand. Dieser muss den Rahmen definieren, innerhalb dessen Entscheidungen zur KI-Infrastruktur getroffen werden, und sicherstellen, dass er – wie bei Finanz-, Rechts- oder Reputationsrisiken üblich – über die daraus resultierenden Risiken informiert ist.
Der entscheidende Schritt besteht darin, Abhängigkeit als messbare Variable zu behandeln. Die Voraussetzung dafür ist Operationalisierung:
Wer diese Fragen mit Kennzahlen beantwortet, kann Abhängigkeiten steuern, statt sie nur zu verwalten. Diversifikation von Anbietern, vertragliche Exit-Klauseln, redundante Architekturen oder gezielte Investitionen in europäische Alternativen werden dann zu Instrumenten eines aktiven Risikomanagements.
Oliver, warum bekommt das Thema KI-Infrastruktur eine neue Dringlichkeit?
Oliver Toma: Die drei Treiber geopolitische Abhängigkeiten, regulatorische Verdichtung und KI als Kern der Wertschöpfung erfordern schnelles Handeln. Grundsätzlich werden sich die Zeitfenster für Entscheidungen weiter verkürzen. Noch vor zwei, drei Jahren konnte man KI-Anbieter in Ruhe evaluieren, heute erfordern parallele Entwicklungen mit großer Tragweite Organisationen zu schnellen Reaktionen. Es bleibt keine Zeit, erst zu reagieren, wenn ein Problem sichtbar wird. Die Dringlichkeit entsteht also durch die Gleichzeitigkeit von immer neuen geopolitischen, regulatorischen und geschäftlichen Herausforderungen.
In drei Schritten zur handhabbaren Managementaufgabe, wie sieht das konkret aus?
Oliver Toma: Der erste Schritt ist Transparenz. Wissen, welche KI-Systeme im Einsatz sind, vom wem sie stammen, welche Daten sie verarbeiten und welcher Regulierung sie unterliegen. Der zweite Schritt ist, Abhängigkeiten als Kennzahl zu etablieren. Und der dritte, wichtigste Schritt besteht darin, klare Verantwortungen zu benennen, quasi ein eigenständiges Mandat mit Berichtslinie zur Geschäftsführung. Erst dann wird aus einem abstrakten Souveränitätsanspruch eine handhabbare Managementaufgabe.
Was passiert, wenn Organisationen diese Schritte jetzt nicht gehen?
Oliver Toma: Sie geraten in eine reaktive Position. Statt Abhängigkeiten bewusst einzugehen und zu steuern, werden sie von regulatorischen Fristen und externen Anbieterentscheidungen getrieben.

Senior Management Consultant
Oliver Toma verantwortet die daten- und KI-getriebene Transformation seiner Kunden sowie das Segment Data Analytics und AI. Als erfahrener CIO-/CTO-Transformationsexperte begleitet er Unternehmen aus Automotive, Logistik, Utilities und dem öffentlichen Sektor auf dem Weg zur datengetriebenen Organisation – von Daten- und KI-Strategien über strategische Partnerschaften bis zur Steuerung anspruchsvoller Transformationsprojekte. Sein Ziel: Daten und künstliche Intelligenz in nachhaltige Wertschöpfung übersetzen.