
Text: Marian Risse
Das Jahr 2026 markiert für Organisationen einen Wendepunkt bei der Nutzung von KI: Während in immer kürzeren Abständen neue KI-Modelle auf den Markt kommen, wird die Beantwortung der Frage der territorialen Abhängigkeit zur zentralen Aufgabe. Jetzt zeigt sich, ob Organisationen ihre KI-Wertschöpfung eigenständig und kontrolliert gestalten oder sich dauerhaft von externen Infrastrukturen und den Spielregeln Dritter abhängig machen. Dabei ist KI-Souveränität weniger eine technologische Herausforderung. Wer KI-Souveränität erlangen will, muss sie als strategische Entscheidung über Einfluss, Kontrolle und Handlungsfähigkeit verstehen und jetzt die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.
Die vergangenen Jahre waren geprägt von Experimenten: Pilotprojekte, erste produktive Anwendungen, der Aufbau von Plattformen. Dabei geriet die Frage nach technologisch-infrastruktureller Unabhängigkeit in den Hintergrund. Nun endet die Phase des „Ausprobierens“ und es beginnt die Phase der strukturellen Integration. Organisationen müssen jetzt entscheiden:
Diese Entscheidungen wirken langfristig und sind später nur schwer umkehrbar. Wer sich heute vollständig für proprietäre Cloud-Stacks entscheidet, schafft ein Abhängigkeitsverhältnis, das sich über Jahre verfestigt.
Der Begriff „Souveränität“ wird im Kontext von Digitalisierung und KI meist technisch auf Datenlokation, Open Source vs. proprietäre Lösungen oder Multi-Cloud-Strategien reduziert. Dies sind zwar wichtige Bausteine, sie greifen jedoch zu kurz. Souveränität steht im Kern für die Fähigkeit, eigenständig zu entscheiden und zu handeln. Die Entscheidung zwischen (Private) Cloud, Hybrid- oder On-premise-Systemen ist deshalb eine strategische Grundsatzfrage: Wie abhängig wollen wir sein? Welche Entscheidungen wollen wir auf welcher Plattform treffen lassen?
Hyperscaler bieten Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und Zugang zu modernsten KI-Funktionalitäten. Aber: Die Vorteile haben ihren Preis. Kontrolle wird abgegeben, die Wechselkosten steigen und die Innovationspfade werden durch Marktstrategien weniger Anbieter bestimmt. Doch es gibt Alternativen: Das Angebot an europäischen Cloud-Initiativen, spezialisierten KI-Plattformen oder Open-Source-Stacks wächst. Sich für sie zu entscheidenden, erfordert mehr Eigenverantwortung, mehr Investitionen und einen klaren strategischen Willen. Es bedeutet langfristig, die Hoheit über KI-induzierte Entscheidungen zu behalten.
Kurz erklärt: Was ist KI-Souveränität?
KI-Souveränität ist die Fähigkeit einer Organisation, KI-Systeme selbstbestimmt, kontrolliert und strategisch anschlussfähig zu nutzen, weiterzuentwickeln und zu steuern. Dazu gehört der unabhängige Zugriff auf Daten, Modelle und Infrastruktur sowie die Möglichkeit, Anbieter flexibel zu wechseln. Ziel ist es, Abhängigkeiten zu minimieren und die eigene Handlungsfähigkeit langfristig zu sichern. KI-Souveränität ist damit weniger eine technische Frage als eine strategische Entscheidung über Kontrolle und Autonomie.
Neben der wirtschaftlichen Bedeutung im globalen Wettbewerb ist KI längst zum geopolitischen Faktor geworden. Die USA dominieren zentrale KI-Infrastrukturen und -Plattformen, während China eine staatlich orchestrierte KI-Strategie verfolgt. Europa setzt zunehmend auf Regulierung, vom AI Act bis hin zu Datenräumen und digitalen Identitäten. Diese Entwicklungen machen deutlich: Wer KI nutzt, bewegt sich in einem Spannungsfeld aus politischen Interessen, regulatorischen Vorgaben und wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Deshalb wird KI-Souveränität auf strategischer Ebene entschieden.
Der Zeitpunkt zum Handeln ist jetzt. Denn KI-Souveränität lässt sich nicht nachträglich herstellen – sie wird in den Architektur-, Plattform- und Partnerentscheidungen von heute festgelegt. Wer nur auf Geschwindigkeit und Komfort optimiert, kauft sich zwar Fortschritt, verliert aber Kontrolle. Entscheidend ist eine klare Beantwortung der Frage: Unter welchen Bedingungen nutzen wir KI und wer bestimmt diese Bedingungen? Erst danach sollten die technologischen Aspekte in den Fokus genommen werden – nicht umgekehrt.
Viele Unternehmen nutzen KI, aber nur ganz wenige setzen auf eigene Lösungen.
56 % der Unternehmen nutzen generative KI im Arbeitsalltag – in großen Unternehmen liegt der Anteil bei 68 %.*
Quellen
*https://www.tuev-verband.de/pressemitteilungen/ki-schulungen-in-unternehmen-innerhalb-von-zwei-jahren-verdoppelt
**https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-02/bitkom-studienbericht-ki.pdf
***https://www.dihk.de/de/newsroom/digitalisierung-2026-unternehmen-halten-kurs-163290
****https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2025/IW-Report_2025-KI-als-Wettbewerbsfaktor.pdf?utm_source=chatgpt.com

Management Consultant, Domain Lead AI & Automation
Als verantwortlicher Entscheidungsträger für den Bereich Künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung begleitet Dr. Marian Risse den ganzheitlichen Entwicklungsprozess seiner Kunden auf ihrem Weg zur KI-getriebenen Organisation. Neben der Integration technischer Lösungen legt er besonderen Wert auf die Befähigung von Belegschaft und Management im Umgang mit KI. Sein Ziel ist es, Prozesse und Aufgaben aus der Perspektive der Organisation effizienter zu gestalten und durch intelligente Automatisierung eine nachhaltige Wertschöpfung zu ermöglichen, die einen tiefgreifenden und dauerhaften Transformationsprozess anstößt.